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W4E Biografien - Jess Pedersen

Jess Pedersen hat als siebenfacher Weltmeister Geschichte geschrieben, denn nur noch Hans Schwarz Sr. und Jaan Jaago konnten ihn mit acht WM Titeln übertrumpfen. Als Profi der sog. zweiten Generation im griechisch-römischen Stil, jenen Athleten, die der Pionier-Ära folgten, gehörte Pedersen über viele Jahre zur Spitzenklasse in Europa. Als solcher etablierte er sich neben Größen wie dem Franzosen Paul Pons und erlebte den Boom an Turnieren, die eine erste Hochzeit des europäischen Wrestlings nach klassischem Stil markierten. Heute längst vergessen, schaffte Pedersen schließlich den Aufstieg zur Weltklasse aller Ringer.

Jess Pedersen kommt 1879 im dänischen Odder zur Welt. Bei einer Reise ins Ausland beschließt er in Hamburg zu bleiben und beginnt seine Karriere als Amateurringer unter Heinrich Stark (Heinrich Schwarz). Die vielen Athletenclubs der Hansestadt zeigten seit vielen Jahren schon welchen Status der Kraftsport hier wirklich hatte. Diesseits von Ringern und Gewichthebern dominiert, sah man Pedersen als Teil einer Hochburg an Schwerathleten in den Vereinen auftreten. Heinrich Stark indes hatte ihn bald so gut trainiert, dass er ein erfolgreicher Amateur wurde. 1900 debütierte Pedersen als Profiringer in der Spanne wo er mit Halil Adali zusammen trainierte. Viele Kraft- und Haltegriffe eignete er sich von diesem türkischen Ringer an. Mit dem Aufkommen ganzer Turniere (Konkurrenzen) im griechisch-römischen Stil begann in dieser Zeit die zweite Phase des Profiringkampfes in Europa nach den Pionieren des späten 19. Jahrhunderts. Setzten Brüssel und Paris den Auftakt, so kam die Weltmeisterschaft Anfang des Jahres 1900 auch nach Berlin. Noch dominierten Pons, Kara Ahmed, Jakob Koch und George Hackenschmidt die europäische Szene, bis ihnen ein dänischer Ausnahmeathlet gewichtige Konkurrenz machen sollte.

Unter Turnierleiter Heinrich Niemann sammelten sich Anfang Januar 1901 viele Ringer zur zweiten im deutschen Reich ausgetragenen WM im Hamburger Zirkus Busch. Nach kleineren Auftritten konnte Pedersen jetzt endlich sein Talent auch bei größeren Turnieren unter Beweis stellen. Noch reichte es aber nicht für eine Platzierung oder gar den WM Titel. Adali und Hackenschmidt besiegten ihn bei zwei Kämpfen. Am 05. Mai 1901, dem Finale der Wiener WM, reichte es ebenfalls nicht für einen Turniersieg. Wieder waren Adali und Hackenschmidt führend, Pedersen hingegen durch ein Ohrenleiden geschwächt. Er konnte nicht oft genug antreten. Hackenschmidt gewann dann gegen seinen türkischen Konkurrenten auch seinen ersten WM Titel. Für Pedersen blieb an diesem Abend nur der Sieg gegen Charles Fengler. Er ging ohne Medaille nach Hause. Ab 1902 stand Pedersen mit an der Spitze aller bedeutenden Ringer. Setzte er sich in München gegen Kara Ahmed durch, so holte er sich in Wien auch gleich seinen ersten von sechs WM Titeln. Weiter ging es zur Europameisterschaft nach Lüttich (Liege), wo er ebenfalls den Turniersieg einheimste. Am 08. Februar 1903 war der Weltmeister auch gleichzeitig Europameister vor Omer de Bouillon geworden. Selbst Koch musste sich mit Platz 3 begnügen. Schon wenige Monate später war der neue Top-Star in Paris angekommen, der europäischen Ringer-Hochburg vor dem ersten Weltkrieg. Pedersen gewann gleich beide Weltmeisterschaften in Lüttich (Liege) und in Paris am 06. Juni 1903. Nach etwas mehr als zwei Stunden hatte er den Franzosen Raoul le Boucher im Finale besiegt. Somit war er nun dreifacher Weltmeister der Schwergewichte und stand unlängst auf Augenhöhe mit allen großen Profis. Während Paris weiterhin mit großen Turnieren glänzte, wurden auch im restlichen Teil Europas Weltmeisterschaften ausgetragen. Dabei musste sich Pedersen bald gegen neue und alte Konkurrenten behaupten.

Innerhalb der nächsten Jahre sah man Pedersen öfters in der Seine-Metropole kämpfen. So auch bei der Pariser WM Ende 1905 im „Casino". Diesmal allerdings siegte Ivan Paddoubny im Finale und setzte seinen dänischen Konkurrenten somit auf Platz 2. Der Beginn einer langen „Fehde" um Turniersiege und Prestige. Gleich zwei Mal musste er die Führung an Paddoubny abgeben: Zunächst bei der WM in Mailand und anschließend bei der Wiener WM im August 1907. Pedersen erreichte dort noch Platz 3. Sein großer Konkurrent wurde später auch mehrfacher Weltmeister der Schwergewichte. Auch wenn Pedersen jetzt auf hinteren Platzierungen landete, so bedeutete dies doch kein Ende seiner Karriere. Bei lokalen Konkurrenzen oder Europameisterschaften war er nach wie vor einer der Top-Favoriten auf den Titel. So gewann er u.a. die EM in Hannover am 30. September 1907. Mehr als fünf Jahre ohne WM Titel waren eine lange Zeitspanne, bis sich Pedersen erneut an die Spitze setzen konnte, natürlich in Paris. Medaillen und WM Titel folgten bald wieder Schlag auf Schlag: 1908 Weltmeister und 1910 triumphierte er gleich zwei Mal in Paris und Berlin. Bei beiden Finalkämpfen bezwang er den respektierten deutschen Profi John Pohl, genannt „Abs II". Acht Jahre lang stand Pedersen nun schon mit an Europas Spitze, als man ihn auch für Auftritte in Übersee verpflichten konnte. Im September 1911 ging der dänische Weltmeister mit einem weiteren Wrestler aus Frankreich namens Raymond Cazeaux auf Auslandstournee in die USA und traf dort auf Größen wie Dr. Benjamin Roller, Charles Cutler und Yussif Mahmout. Letztlich aber ohne großen Erfolg wie einst als mehrfacher Weltmeister in Europa. Den letzten Turniersieg erreichte Pedersen am 31. März 1913 im Hamburger Flora-Theater vor dem Holländer Marinus van Riel. Bei einem seiner letzten Auftritte vor Kriegsausbruch sah man ihn im März 1914 in Moskau kämpfen. Für eine Platzierung hat es jedoch nicht mehr gereicht. Doch bald sollte nicht nur seine Karriere ihrem Ende zugehen.

Pedersens Karriere widerfuhr das gleiche Schicksal wie das seiner Mitstreiter Heinrich Eberle und Jakob Koch. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Boomphase vorbei und für die meisten Ringer somit auch Schluss. Man sollte meinen, dass angesichts dieser Situation sofort ein Stillstand eintrat. Aber auch während des Ersten Weltkrieges gab es in den Jahren 1915 bis 17 noch vereinzelte Turniere im damaligen Deutschen Reich. Zumindest die neutralen Staaten versuchten mit der WM 1915 in Amsterdam einen kompletten Untergang zu verhindern. Jess Pedersen blieb der alten Ringerhochburg Paris treu und eröffnete dort eine Schule für Gymnastik. Schon bald nach Kriegsende kehrte er auf die Ringbühne zurück, war bereit für den letzten großen Triumph seiner Karriere. Im Pariser Eldorado Theater wurde im Juli 1919 eine Weltmeiserschaft mit Pedersen und dessen alten Kampfgefährten Emile Vervet und Laurent le Beaucairois veranstaltet. Der gleichnamige Sohn von Aimable de la Calmette war auch dabei (Aimable Junior). Die alten Haudegen von einst mussten sich mit einer aufstrebenden Generation an jungen Ringern messen. Im finalen Kampf der Schwergewichte jedoch bewies Pedersen gegen den Spanier Ochoa, dass er noch immer das Zeug zum Weltmeister besaß. Nach 28 Minuten Kampfzeit heimste Pedersen seinen siebten WM Titel ein. Damit erfolgreichster skandinavischer Wrestler seiner Zeit. Dieser Höhepunkt war nicht mehr zu toppen, denn für viele Ringer der alten Rige stand das Ende ihrer aktiven Laufbahn bevor. Auch Jess Pedersen zog sich bald ganz zurück. In den 20er Jahren erholte sich das deutsche Wrestling auf Profiebene allerdings erstaunlich schnell. Neue Strukturen, wie Verbände und eine Vielzahl von Berufsringern, die stellenweise schon vor 1914 aktiv waren, verhalfen der Szene zu einem neuen Aufwind. Jetzt war die Zeit für Pedersens Nachfolger wie Otto Huhtanen aus Finnland angebrochen. Bestimmt war Jess Pedersen nicht der erste Profi aus Skandinavien im klassischen Ringkampf, wohl aber deren Erfolgreichster zwischen Pionier-Ära und Kriegsausbruch. Dieser dänische Vorzeigeathlet hatte Europa und die USA bereist, eher er sich in Frankreich niederließ. Es zog ihn also dorthin zurück, wo er einst seine größten Erfolge feiern konnte. Jess Pedersen starb 1946 im Alter von 77 Jahren. 



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