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Fr. 15.12.2017 - 22:48 Uhr
   
 
 
 

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Vom Ende des Catchens


Nicola Selenkowitsch und Otto Wanz - Vor rund 9000 Zuschauern siegte Wanz beim Turnier 1985 in Bremen.

Sie waren ein wirkliches Team, ein starker Promoter und ein starker Catcher, Nicola Selenkowitsch und Otto Wanz. Zusammen bestimmten sie über viele Jahre den mitteleuropäischen Berufsringkampf, kurz Catchen genannt. Es ist zu Ende, es gibt ihn nicht mehr, den so geliebten wie kritisierten Freistilringkampf englischen/amerikanischen Ursprungs. Wer heute auf ein Plakat mit der Aufschrift “Wrestling/Catchen” stößt, der wird nur noch mit einer Illusion konfrontiert. Wwf4ever.de erzählt die wahre Geschichte vom Ende der CWA, was auch das Ende des Catchens bedeutete.

12.473.474 - das ist die beeindruckende Zahl von Zuschauern, die die Turniere des großen Promoters Gustl Kaiser bis 1976 besuchten. 1965 schließlich startete einer von Kaisers zahlreichen Kämpfern seine Karriere als Promoter, Nicola Selenkowitsch. Was “Nico” erreichte, war bahnbrechend wie unglaublich zu gleich. Selbst heute noch, sechs Jahre nach seinem Tod, ist er in Bremen beliebt wie eh und je. Selenkowitsch, Heinrich Kaiser, Paul Berger, Sven Hansen, Edmund Schober, Georg Blemenschütz - alles Namen, durch die das Catchen in den 70er und 80er Jahren den Höhepunkt erreichte. Diese Veranstalter hatten internationale Kontakte, wodurch ausländische Superstars wie Antonio Inoki auch in Deutschland auftreten konnten. Heute scheint es Unmöglich zu sein, so viele Menschen anzulocken, wie sie einst auf dem Schützenplatz in Hannover zu finden waren. Damals dauerten die Turniere hier oft Wochen, gar Monate mit täglich grandiosen Kämpfen. So wurde der Schützenplatz zeitweise zum Mittelpunkt des Catchens schlechthin und Hannover zur “Welthauptstadt” dieser Freistilart deklariert. Einige junge Leser werden erstaunt sein, aber die 100.000 Zuschauermarke zu durchbrechen, war hier keineswegs ungewöhnlich. Zwischen den ratternden Fahrgeschäften und kreischenden Spielautomaten herrschte ein wahrer Trubel am Eingang des Catcher-Zelts. Wer eine Eintrittskarte ergatterte, konnte sich glücklich schätzen.

Den Berufsringkampf in Deutschland bestimmten damals zwei Verbände: IBV und VDB, Internationaler-Berufsringkämpfer-Verband (Hamburg) und Verband-Deutscher-Berufsringer (Berlin). Von einer CWA war nur zu träumen, da es sie bis 1985 überhaupt nicht als Promotion gab. Fast alle wichtigen Turniere, auch in Österreich, standen mindestens unter der Leitung eines dieser Verbände. Mit zwei Verbänden existierten im Berufsringkampf auch zwei Lager: Freistil-Berufsringkämpfer (IBV) und Catcher (VDB). Obwohl eine Trennung nach außen hin offensichtlich erschien, teils auch strikt vollzogen wurde, ist doch die Wirklichkeit etwas anders gewesen. Man konkurrierte zwar gegeneinander, aber manche Ringer des IBV kämpften später auch beim VDB. Bestes Beispiel dafür ist Otto Wanz, den Gustl Kaiser 1974 zum IBV holte. Kaiser war eine Schlüsselfigur, an ihm kam keiner vorbei. Er schloss Verträge mit allen namhaften Ringern ab, die wie eine Teilnehmerliste bei den Olympischen Spielen erscheinen. “International” - Gustl Kaiser trug dem alle Ehre. 1976 trat er von der deutschen Ringbühne ab, die er ein halbes Jahrhundert lang mitbestimmte. Noch während der Kaiser-Ära hatten sich Berger und Selenkowitsch als starke Veranstalter etabliert. Für Österreich wäre u.a. Eugen Wiesberger zu nennen. Sie sollten den internationalen Charakter des Catchens soweit ausbauen, dass davon auch ihre Nachfolger Otto Wanz und Peter William profitierten. Als richtige Catch-Hochburgen fungierten: Hannover, Bremen, Berlin, Dortmund, Wien, Linz und Graz.

Der Anfang der “Catch Wrestling Association (CWA)” setzte nach dem Ende der Kaiser-Ära ein. 1973, so ist auf vielen Internetseiten zu lesen, sei sie als Promotion gegründet worden, was jeglicher historischer Tatsache widerspricht. Eine Märchengeschichte hat sich hier etabliert, wo unsinnige Listen und falsche Statistiken den wahren Hintergrund verschleiern. Otto Wanz bestritt nie einen Kampf am 02. August 1973 gegen Jan Wilkens oder Don Leo Jonathan. Den Ursprung findet man ferner in Kapstadt/Südafrika, wo Wanz, nach den Angaben des Historikers Gerhard Schäfer, am 02. August 1977 seine erste CWA Weltmeisterschaft gewann. Der CWA-Historiker Bernd Model nennt den Kampf vom 15. Juli 1978 in Graz, als Wanz seinen Rivalen Don Leo Jonathan besiegte. Das war jedoch nicht ihr erstes Aufeinandertreffen. Bevor die Fehde Wanz-Jonathan begann, heimste Otto den Sieg ein, als er am 02. August 1977 Jan Wilkens eine Niederlage bescherte. Wilkens galt in Kapstadt als Favorit. Zwischen Wanz und Wilkens rutschte der aus Kanada stammende Hüne Jonathan, “Canadian Wrestling Association (CWA)” World Champion. Am 09. August 1977 kam es in Durban/Südafrika zum ersten großen Kampf mit Wanz. Er und Jonathan trennten sich im Unentschieden. Der nächste Kampf am 01. September 1977 in Johannesburg sollte ihre Fehde richtig aufheizen. Wanz verlor und Jonathan konnte sich als CWA Champion feiern lassen. Schäfer und Model widersprechen sich ein wenig, was die Stellung von Wanz als CWA Weltmeister betrifft. Wilkens war auch noch da, erreichte gegen Wanz am 20. August 1977 in Johannesburg aber nur ein Unentschieden. Es konkurrierten jetzt nur Wanz und Jonathan.

Von Südafrika aus verlagerte sich das Geschehen nach Graz. Wanz bestritt mehrere Vorbereitungskämpfe, bis er schließlich seinen Kontrahenten Jonathan am 15. Juli 1978 bezwingen konnte. Dies ist der Anfang der CWA in Europa. Doch dahinter steckte keine Promotion, da Jonathan seinen Canadian Title an Wanz verlor, der diesen, bis zur eigentlichen CWA Formierung 1985, als Weltmeisterschaftstitel verteidigte. Die Bezeichnung “Canadian Wrestling Association” blieb bestehen. Wanz kämpfte in Turnieren, die etwa unter der Schirmherrschaft des VDB standen. Jonathan wollte es noch ein mal wissen, verlor aber den Titelkampf am 12. Juli 1980 gegen Wanz im Grazer Eisstadion. Otto Wanz, gleichzeitig auch Promoter, veranstaltete das zehnte Turnier in Graz. 1981 expandierte er nach Klagenfurt und übernahm, zusammen mit seinem Geschäftspartner Peter William, schrittweise alle wichtigen Hochburgen des Catchens. Am 14. Juni 1985 schließlich wurde aus dem Canadian Wrestling Association Title offiziell der Catch Wrestling Association (CWA) Title. Wanz und William gründeten gleichzeitig ihre eigene Promotion, die sie als “Catch Wrestling Association (CWA)” in den Register eintragen ließen. Jetzt erst entstand jene CWA, wie man sie bis zum Schluss kannte.

Vom Ende des Catchens handelt dieser Artikel, was ebenfalls das Ende der CWA als Wrestlingpromotion bedeutete. Das größte Problem, was sich dem Catchen stellte, war der schleichende Zuschauerrückgang. Er setzte überall ein, jedoch in unterschiedlichen Zeitabständen. 1984 gab Promoter Eugen Wiesberger, einer der österreichischen Catcher-Könige, auf. Seine Hochburg war Linz. Er starb am 02. Mai 1996. Edmund Schober, Catch-Magnat in Hannover, verschwand 1979 und übergab an Heinrich Kaiser, der die Rechte für die Schützenplatz-Turniere 1991 an Paul Violka verkaufen wollte. Bis dahin hatte Hannover einen Teil seines Glanzes als Catch-Hochburg eingebüßt. Den langen Erfolg der Schober-Kaiser Ära erreichte man nie wieder. Bremen konnte sich noch als letzte deutsche Catch-Bastion halten. Kaiser war wohl zuversichtlich, für die Austragungsrechte einen ordentlichen Gewinn zu erzielen. Aber Violka lehnte zunächst ab, da Kaisers Preisvorstellungen zu hoch waren. Stattdessen übernahm der Disko-Chef von Hannovers “Fantasia”, Jürgen Windolph, das große Schützenplatz-Turnier. Die Steuerlast, ein weiteres Problem der Promoter, zwang Windolph jedoch in die Knie. 1992 schließlich verkaufte er an Violka, der aber weniger zahlte, als Windolph damals an Kaiser. Violka hatte davor schon mit Kaiser parallel zusammengearbeitet. Er betrieb eine Würstchenbude auf dem Schützenplatz und war eigentlich Fleischhändler in Garbsen bei Hannover. Sein Geschäftspartner war niemand geringeres als der berühmte Matchmaker Peter William, schon seit 1960 in Hannover aktiv.

1992 endete auch die Ära Paul Berger, der am 13. Januar 1992 in einer Klinik in Bad Oeynhausen starb. Seit 1969 war er Turnierleiter beim VDB, dessen Einfluss man kaum beschreiben kann, wenn man ihn nicht selbst miterlebt hat. Mit Bergers Tod erlosch auch die Glanzzeit des VDB, obwohl dieser Verband immer noch existiert und den IBV um Jahre überlebt hat. Der Zuschauerrückgang machte sich in Bremen noch nicht so bemerkbar. Selenkowitsch erreichte bei seinem Turnier 1983 in 41 Tagen ganze 95.000 Zuschauer. Fast immer war die Bremer Stadthalle voll bis oben hin. Nach der CWA Gründung übergab er 1987 das Zepter an seinen langjährigen Schützling Otto Wanz, den er erstmals 1970 aus Österreich nach Deutschland holte. Wieder verschwand ein Urgestein des Catchens. Nico starb 2004 nach einem schweren Sturz. Mit der Übernahme des Bremer Turniers gehörte auch die letzte Catch-Hochburg zur CWA. Bis dahin hatten Wanz und William ihr Revier schon längst auf Hannover, Graz und Wien ausgeweitet. Es gibt Kritiker, was die Ära von Wanz als Veranstalter betrifft. Er bemühte sich durchaus, diese Traditionen aus vergangenen Zeiten fortzusetzen, musste letztendlich aber doch kapitulieren. Mit einer neuen Generation von Fans, in Verbindung mit der Konkurrenz aus Amerika, die in den 90er Jahren etliche Tourneen nach Deutschland unternahm, verschwand das Interesse am traditionellen Catchen.

Auf dem Wiener Heumarkt war der Zuschauerrückgang bereits Anfang der 80er Jahre deutlich geworden. Zwischenzeitlich gab es aber Turniere, bei denen noch mehrere 1000 Besucher anwesend waren. 1997 kamen etwa 2000 Fans zu einer Heumarkt-Show, wo Cannonball Grizzly das Iron Men Turnier gewann. Im Unterschied zu damals, wo solche Zahlen fast täglich bei allen Turniertagen erreicht wurden, waren jetzt nur noch vereinzelte Shows, wenn überhaupt, gut besucht. Was sich überall als fatal erwirkte, war die fehlende Kontinuität. Man konnte nicht mehr sagen, dass es im nächsten Jahr weitergehen würde. Im Jahr 2000 kam dann das endgültige Aus für Bremen. Ein 1999 vom VDB groß angekündigtes Turnier wurde ebenfalls gestrichen. Von ursprünglich zehntausenden Besuchern waren in Bremen nur etwa 400 bis 500 übrig geblieben. Zu wenig, um so eine Promotion wie die CWA zu finanzieren. Am 31. August 2000 verkündete Wanz im Fernsehsender N3 die Einstellung aller Turniere und das offizielle Ende der CWA als Wrestlingpromotion. Am 01. September 2000 vermeldete der Weser-Kurier: “Bremen war die letzte Bastion; Catch-Promoter Otto Wanz kapituliert und sagt das Turnier in der Stadthalle ab”. Wanz benutzte die Bezeichnung CWA weiterhin für seine “Austrian Giants” Shows. Teilweise sah man diese Buchstaben auch im Fernsehen. Beim VDB stellt sich eher die Frage, warum ihn niemand aus dem Register streichen lässt. Man kann ihn nicht mehr ernsthaft als wirklichen Verband ansehen.

Mit dem Ende der CWA war auch das Catchen Geschichte, nicht aber das Wrestling in Deutschland. In den 90er Jahren etablierten sich mehrere Promotions, die als Vorgänger der deutschen Indy-Szene gelten. 1988 kam ein ehemaliger Leiter einer Ölbohrinsel zum Wrestling, Gerd Völlink. Er und Hansi Rooks formierten die “VoRo Agentur”, aus der Anfang 1993 die “German Wrestling Federation (GWF)” hervorging. Völlink benannte sie später in “German Professional Wrestling (GPW)” um. Er trennte sich dann von Rooks und konnte noch ein paar Jahre durchhalten. Ab Januar 1997 war auch die GPW Geschichte. Im Dezember 2001 stirbt Gerd Völlink in Lage bei Bielefeld. Die Schützenplatz-Turniere in Hannover veranstaltete Paul Violka noch bis 1997, als er die Geschäfte ganz an seinen bisherigen Matchmaker Peter William und an Klaus Kauroff übergab. Nach 2002 zog sich dann auch Peter allmählich zurück. Letztlich folgte dann in Hannover die Gründung der IWW, dem Vorläufer aller heutigen Indy-Promotions in Deutschland. Stefan Haupt und Jörg Kowalski sendeten auf dem Offenen Kanal ihr Format “Independent Wrestling World (IWW)”. Ursprünglich als Fernsehsendung konzipiert, machten Haupt, Kowalski und Steve the Otaku daraus eine Promotion, die im Mai 1997 debütierte. Sie hat zwar nicht solange durchgehalten, wie ihre Nachfolger, bildete aber dennoch den Ursprung. Mit Gründung der ACW 1998 ist dies offensichtlich geworden.


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