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Mi. 13.12.2017 - 10:42 Uhr
   
 
 
 

..:: Wrestling Almanac: Jahrhundertkämpfe ::..

Jahrhundertkämpfe

Teil 1
Gotch vs Jenkins - Jagd nach dem US-Title

Jahrhundertkämpfe gab es viele und auch im frühen Profiringkampf findet man sie. Sie waren mitunter der Schlüssel zum Erfolg, um überhaupt an die Spitze zu gelangen. Diese Spitze war in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts noch relativ winzig. Teil 1 erzählt die Geschichte zweier Wrestler, die sich bis aufs Blut bekämpften. Ihre Fehde war bis dato einmalig in Nordamerika und lieferte den Zündstoff für eine lange Matchserie.

Eines Tages präsentierte Martin Burns dem Publikum einen jungen Farmer aus Humboldt (Iowa). Sein Name war Frank Gotch und er schlug im amerikanischen Wrestling wie eine Bombe ein. Am Anfang stand die Konfrontation mit Trainer Martin Burns, den Gotch besiegen konnte. Das brachte ihm großen Respekt ein. Es gab auch kritische Stimmen, die am Erfolg des jungen Farmers nicht glauben wollten. Burns deutete jedoch schon das ungewöhnliche Talent von Gotch an, als er im Februar 1902 sagte: "In Iowa ist zurzeit niemand, der ihn werfen kann. Er nimmt jede Herausforderung an. In zwei Jahren wird er Jenkins werfen. Erinnert euch daran, Leute!".

Gotch trainierte damals in einem der etlichen Camps von Burns. Wenig später entstand zwischen beiden eine jahrelange Freundschaft. Auf dem Zenit seiner Karriere bereits angelangt, war US-Champion Tom Jenkins. Der mehrfache Champion lieferte sich mitunter einige Kämpfe gegen Dan McLeod. Man bezeichnete ihn auch als "The Rolling-Mill Man". McLeod griff zwischenzeitlich ins Titelrennen ein und versuchte seine Position auf längere Sicht hin zu stärken. Allerdings rutschte er später dann doch an Gotch und Jenkins vorbei. Ihre Dominanz war für die meisten Wrestler erdrückend. Sie bestimmten mehrere Jahre das Wrestling in Nordamerika Anfang des 20. Jahrhunderts.


Frank Gotch

Als Gotch noch belächelt wurde, hatte Jenkins schon eine Zeit lang den begehrten "American Heavyweight Title" um die Hüften. Frühere Champions waren die beiden Pioniere Martin Burns und Evan Lewis. Um sich von Europa abzuheben, entstand schnell eine Art Patriotismus. Man sah die Titelträger eher als "World Champions" an. Für geraume Zeit war er Amerikas wichtigste Trophäe. Aber die Niederlage von Jenkins gegen Hackenschmidt, am 04. Mai 1905 in New York, brachte einen neuen World Title hervor. Den ersten wenn man es genau nimmt. Das Augenmerk rutschte automatisch auf Hackenschmidt, spätestens seit seiner Anerkennung in Europa und Nordamerika. Der World Title wurde dann zunehmend nach Nordamerika gezogen. 1908 setzte sich Gotch die Titelkrone aufs Haupt. Bevor dieser Erfolg allerdings kam, musste er sich der Konfrontation mit Jenkins entgegenstellen.

Es startete nun eine ganze Serie von Matches, dessen Resonanz beachtlich war. Am 22. Februar 1903 traf Gotch in Cleveland (Ohio) das erste Mal auf Jenkins. In vielerlei Hinsicht kam er dabei nicht über Burns Erwartungen hinaus. Vorher erfolgte ein intensives Training. Burns gab konkrete Anweisungen, wie er gegen Jenkins zu kämpfen habe. Schließlich kannte er so ziemlich alle Tricks im Wrestling. Allerdings brachten diese Hinweise nicht sonderlich viel. Gotch stolperte in eine herbe Niederlage. Am Anfang ging es eher schleppend voran. Beide verharrten lange im Stand. Ringrichter Edwards drohte das Match zu beenden, wenn nicht umgehend mehr Action zum Einsatz käme. Jenkins legte schnell los und trieb Gotch in die Seile. Nach einem Hin und Her stürzte Jenkins plötzlich zu Boden und Gotch ließ einen half nelson folgen. Gotch blutete etwas im zweiten Teil des Kampfes, Jenkins schien die Pause genutzt zu haben. Er wirkte wesentlich erholter. Er beförderte seinen Gegner gleich mehrmals in die Seile. Nach 12 Minuten ging alles dann ziemlich schnell. Durch einen gezielten Wurf landete Gotch mit beiden Schultern am Boden. Der zweite Fall brachte für Jenkins die Entscheidung.

US-Champion war zu dieser Zeit noch Dan McLeod. Ein ziemlich harter Bursche aus Kanada. Jenkins wollte sich unbedingt wieder das Gold um seine Hüften schnallen. McLeod deponierte in Buffalo 250 Dollar für einen Revanche-Kampf. Im Zuge dessen ließ er selbst die Herausforderung verlauten. McLeod hatte offenkundig vor, seine Position als US-Champion zu verteidigen. Am 25. Dezember 1902 besiegte er Jenkins in Worcester/Massachuetts um die Titelkrone. Rund 10 000 Dollar (damals eine Unsumme) Einnahmen brachte schließlich das folgende Titelmatch zwischen Champion McLeod und Jenkins am 03. April 1903 in Buffalo. Das "Arsenal" war voll von kanadischen Landsmännern, die viel Geld auf McLeod setzten. 91 Minuten dauerte das Kräftemessen, welches ausgeglichen erschien. Jenkins siegte durch den half nelson. Zum zweiten Mal war er jetzt US-Champion. Für die restlichen Monate konnte ihm niemand mehr das Wasser reichen.

Das was Burns im Februar 1902 prophezeite, wurde am 27. Januar 1904 in Bellingham (Washington) Wirklichkeit. Etwa 5000 Menschen drängten in das Veranstaltungsgebäude. Es herrschte ein Gewoge und Gedränge. Im Mittelpunkt stand das Titelmatch zwischen Champion Jenkins und Herausforderer Gotch. Wieder wurde ein großes Kräftemessen erwartet. Als Austragungsort kam nur Bellinghams "Pavilion" in Frage. Verwundert hat es niemanden, da kein größerer an Amerikas Pazifikküste existierte. Das Blatt wendete sich hier. Im Vorfeld überraschte Gotch die Öffentlichkeit. Am 05. Oktober 1903 bezwang er in Bellingham seinen Trainer Martin Burns. Auch das Rückmatch vom 11. Dezember 1903 verlor Burns. Eine Sensation im amerikanischen Wrestling. Noch vier Jahre zuvor hatte er keine Chance gegen Burns. Beim ersten Treffen der beiden am 18. Dezember 1899 in Fort Dodge (Iowa) siegte Martin Burns. Den Insidern schien jetzt der Sieg von Gotch für wahrscheinlicher. Bellingham erlebte allerdings eine ziemlich blutige Reiberei um Jenkins US-Title. Als Ringrichter verpflichtete man Gotchs Partner Tom Davis. Jenkins setzte auf Härte und kämpfte zeitweise entgegen allen Regeln. Dafür war er aber ohnehin bekannt.

Kopf an Kopf vergingen die ersten 20 Minuten, ohne das jemand zu Boden stürzte. Bei jeder Gelegenheit versuchte Jenkins Gotch mit Ellenbogen und Faust im Gesicht zu reiben. Der konnte einiges abwehren und seinerseits Jenkins hart zusetzen. Beide bluteten dann schon nach wenigen Minuten. Gotch geriet in Bedrängnis, als ihn Jenkins am Boden hatte. Allerdings befreite er sich aus dem wristlock. Nun gab es ein schnelles Hin und Her. Mehrmals kam der Pin von Gotch fast zustande. Ringrichter Davis erkannte diese jedoch nicht an. Das erzürnte einige Zuschauer, worauf Pfiffe und Buh-Rufe folgten. Gotch zeigte mit einem half nelson Stärke und trieb Jenkins in die Enge. Das wiederholte sich und der US-Champion musste schließlich einen Pin einstecken. Hiernach war Jenkins außerstande aufzustehen. Er wurde in seine Ecke getragen. Der US-Champion setzte auch im zweiten Teil des Kampfes auf harte und unfaire Aktionen. Die Taktik mißglückte, Gotch konnte die strangle holds brechen und Jenkins mehrmals auf die Matte werfen. Im Wirrwarr die ganzen Moves bekam Gotch plötzlich einen harten Faustschlag im Gesicht ab. Davis griff ein und wertete diesen Schlag als Foul. Er verwies Jenkins in seine Ecke und erklärte Gotch zum Sieger. Da der zweite Fall durch Disqualifikation entschieden wurde, endete dieses Match mit 2:0 für Gotch.

Kaum hatte er das ausgesprochen, stürmten die Zuschauer in den Ring. Sie hoben ihren neuen US-Champion in die Lüfte. Mit lautem Beifall wurde Gotch sogar in seine Umkleidekabine getragen. Der sichtlich geschlagene Jenkins forderte noch im Ring einen Revanche-Kampf in seiner Heimatstadt Cleveland. Wie damals im Februar 1903 hoffte er so auf den Heimvorteil. Auch sollte der Ringrichter aus Cleveland kommen. Davis könne ihm dann nicht mehr zur Seite stehen. Nach anfänglichem Zögern nahm Gotch die Herausforderung an. Das Geschehen verlagerte sich von Bellingham zum Ausgangspunkt Cleveland zurück. Das dritte Match benötigte aber einen längeren Anlauf.

Tom Davis begründete seine Entscheidung später so: "Jenkins deliberately fouled Gotch three times with a strange hold, which was barred by the articles governing the contest. I saw that he was all in and that he was trying to force me to call the match against him on a foul instead of taking his medicine and being thrown twice, so I refrained from calling the fouls, as I saw that Gotch was wrestling strong and easily breaking his foul holds. Seeing that I would not call his lesser fouls, Jenkins deliberately aimed a vicious swing at Gotch, which everybody could see, and seeing that there was no use in further prolonging a contest which was too one-sided to be otherwise than brutal, I gave my decision."

Gotch hatte zu diesem Zeitpunkt eine ganze Reihe an Hintermännern: Emil Klank, Martin Burns, Joe Carroll, Tom Davis, Duncun McMillan und George Kennedy. Manager Emil Klank sagte über das zweite Match gegen Jenkins: "This match wasn´t a scientific grappling contest. It was a rough and tumble encounter. It was the fiercest battle in wrestling history. If I live to be a hundred years old, I never expect to see a mat struggle the like of that one between Gotch and Jenkins at Bellingham."

Die Konfrontation zwischen Jenkins und Gotch entwickelte sich allmählich zu einer Jagd nach dem US-Title. Im Jahre 1905 gab es gleich drei Matches. Und wieder nahm das Geschehen einen mitunter unerwarteten Verlauf. Gotch war in Höchstform. Manche meinten, er habe die beste Kondition seit langem. Das konnte man auch in einigen Matches sehen. Gleich zweimal verlor Ex US-Champion Dan McLeod in Vancouver gegen Gotch. Jetzt schien der Sieg über Jenkins nur noch Formsache. Doch am 01. Februar 1905 folgte in Cleveland erneut eine harte Auseinandersetzung um den US-Title. Herausforderer Jenkins schwächelte etwas. Augenscheinlich wirkte er nicht so trainiert, wie noch ein Jahr zuvor in Bellingham. Dennoch durfte man ihn keineswegs unterschätzen. Ohne einen harten Kampf wollte er Gotch nicht ziehen lassen. Den ersten Teil des Kampfes dominierte eindeutig Jenkins. Als er seinen berüchtigten headlock ansetzte, ertönten "strangle, strangle!" Rufe. Jenkins konnte einen leg hold anbringen, Gotch den half nelson brechen. Nach 28 Minuten war es Jenkins, der den ersten Fall durchbrachte. Runde 2 dauerte dagegen nur 48 Sekunden. Der Herausforderer hatte sich überschätzt und beinahe alle Kraftreserven aufgebraucht. Jenkins Schwäche machte sich Gotch im zweiten Teil zu Nutze. Er trieb ihn in die Seile und anschließend auf die Matte. Gotch ergriff schnell Jenkins Handgelenk und drückte mit seinem Gewicht nach. Somit sackte der Clevelander immer bedrohlicher mit beiden Schultern zu Boden. Dann war es perfekt: Champion Gotch meldete sich zurück. Jetzt stand es 1:1. Die Karten wurden wieder neu gemischt.

Anhaltende Beifallsrufe erhallten derweilen von vielen Gotch Fans, die extra aus Buffalo angereist kamen. Im dritten Teil konnte Jenkins nicht mehr aufholen. Erneut brachte er unter Protesten des Ringrichters einen strangle hold an. Gotch gelang die entscheidene Aktion nach 11 Minuten. Mit Schnelligkeit wurde Jenkins durch einen reverse body hold überrumpelt. Damit wurde das Titelrennen zu Gunsten von Gotch entschieden, der seinen US-Title erfolgreich verteidigte. Jenkins musste noch ärztlich versorgt werden. Gotch hingegen sprang aus dem Ring, wie er ihn betreten hatte. Lange wehrte die Freude nicht, denn Jenkins meldete sich mit einer Herausforderung zurück. Die Jagd ging also weiter.

Als Austragungsort wählte man den "Madison Square Garden" in New York. In knapp sechs Wochen absolvierte Jenkins ein hartes Training. Die verloren gegangenen Lorbeeren wollte er unbedingt zurückholen. Am 15. März 1905 traf sich die Königsklasse des USA Wrestling zum vierten Mal. Und es kam zu einer faustdicken Überraschung. Inzwischen herrschte eine bittere Feindschaft. Keiner wollte dem anderen seinen Erfolg gönnen. Der "Garden" in New York war dann auch voll von Zuschauern, die viele Scheine auf ihren Favoriten setzten. Champion Gotch war aber in keiner sonderlich guten Verfassung. Die Kondition ließ stark zu wünschen übrig und ein Arzt riet ihm ab jetzt das Titelgold zu verteidigen. Er lag vorher mehrere Tage abgeschlagen im Bett. Doch der Vertrag war schon längst unterzeichnet. Ohne Rücksicht auf die Gesundheit stieg er gegen Jenkins in den Ring.

Eine Runde konnte er immerhin gewinnen. Aber sein Herausforderer war in wesentlich besserer Form. Der Champion wurde schnell müde und langsamer. Jenkins kämpfte wie erwartet hart, energisch und manchmal über die Strenge schlagend. Zum Schluss gewann er das Titelmatch im Greco-Roman style mit 2:1. Jenkins wird zum dritten Mal "American Heavyweight Champion". Niedergeschlagen verschwand Gotch in sein Hotel. Jenkins hatte eine Menge um die Ohren. Das Match gegen Hackenschmidt wurde bereits im Hinterstübchen ausgehandelt. Zwei Monate später kam das 5. Match, welches ebenfalls im MSG veranstaltet wurde.


Tom Jenkins

Am 19. Mai 1905 erlebte Gotch eines seiner härtesten Matches überhaupt. "It developed into one of the most savage mat encounters in the anuals of the sport", schreibt Nat Fleischer. Wieder war es Jenkins dessen Kondition zur Höchstform auflief. Die Taktik seines "rough-house" Wrestling Stils schien auch dieses Mal zu klappen. Der "Madison Square Garden" war erneut ausverkauft und als Ringrichter verpflichtete man einen ehemaligen Baseball-Schiedsrichter namens Tom Hurst. Hurst galt als ziemlich exzentrischer Typ. Und so verlief der Kampf auch. Später wurde noch gemunkelt, ob er absichtlich die Taktik von Jenkins unterstützte. Lange 90 Minuten mussten die Zuschauer warten, bis endlich eine erste Entscheidung viel. Gotch konnte den Champion 35 Minuten in Schach halten. Jenkins schlug aber mit seiner rechten Faust plötzlich in Gotchs Gesicht. So konnte der Griff gelöst werden. Gotch beschwerte sich beim Ringrichter. Hurst hatte jedoch nichts anderes zu tun, als ihn auszulachen. Er solle das Match fortsetzen und nicht jammern. Jenkins ließ einen headlock folgen, der allmählich in den strangle hold glitt. Gotch protestierte zwar laut, aber Hurst lachte wieder. Ein Regelverstoß sei kaum zu erkennen. Mehrfach setzte Jenkins auf die harte Gangart. Er würgte und trat seinen Herausforderer. Gotch ging ebenfalls hart in die Offensive. Jenkins brachte dann aber den headlock an. Hurst meinte spöttisch das sei ein "mug hold". Diese Aktion war entscheidend und Jenkins siegte in der ersten Runde. Im zweiten Teil blutete Gotch aus Nase und Mund. Das Kampfgeschehen verlagerte sich für kurze Zeit außerhalb des Ringes. Beide Kontrahenten durchbrachen die Ringseile.

Gotch wirkte schon angeschlagen und konnte kaum noch auf beiden Beinen stehen. Runde 2 gewann er aber trotzdem. Es stand jetzt 1:1. Die Titelchance war also noch nicht vertan. Aber Jenkins hatte Reserven - und so kam dann die bittere Enttäuschung nach über 2 Stunden. Runde 3 gewann Jenkins und verteidigte damit den US-Title. Er konnte so einiges an Boden wieder gut machen, nach der Niederlage gegen Hackenschmidt. Die Schlußszene des Kampfes war für Gotch wenig erfreulich. Wie ein nasser Sack fiel er mit dem Gesicht auf die Matte. Und nach etwa 20 Minuten musste man ihn aus der Halle in die Umkleidekabine tragen. Die Rivalität ging weiter. Ein Jahr dauerte es bis man sich erneut gegenüberstand. Die "Convention Hall" in Kansas City ist am 23. Mai 1906 mit 8000 erregten Zuschauern voll bis oben hin. Die "Illustrierte Athletik Sportzeitung" vom 23. Juni 1906 schrieb: "Seit dem letzten Kampfe zwischen den Beiden im Madison Square Garden zu New York, wo Jenkins nach heftigem Kampfe gewann, herrschte eine gereizte Stimmtung zwischen beiden."

1906 verlief für Gotch äußerst erfolgreich. Er perfektionierte seine Technik (toe hold, headlock, body scissors) mit einem klaren Ziel vor Augen. Der US-Title musste wieder ihm gehören. Der Misserfolg, ein Jahr zuvor, hatte ihn etwas entmutigt. Das Training zeigte Wirkung. Zu Beginn schüttelten sich beide Erzfeinde die Hände. Gotch war von sich selbst ziemlich überzeugt, die verlorenen Lorbeeren zurückzuholen. Sie gingen hart miteinander ins Gericht. Im Publikum erhallte zeitweise Beifall für Jenkins. Dieser wollte durch schnelles Angreifen punkten. Nach 26 Minuten und 36 Sekunden war es Jenkins, der die Schultern von Gotch durch arm-lock und body scissors am Boden hatte. In Runde 2 war jedoch Gotch von vornherein der bessere Angreifer. Er machte auch einen erholteren Eindruck. Beide bluteten aus Nase und Mund und stießen voll mit den Köpfen zusammen. Jenkins wurde dann vom Ringrichter für seine rauhe Kampfweise verwarnt. Es wurde wieder hart, als Jenkins aus dem half nelson entkam. Gotch bekam sein rechtes Bein zu fassen und begann es schmerzhaft zu verdrehen. Jenkins konnte sich nicht mehr aus diesem toe hold befreien. Nach 14 Minuten und 30 Sekunden gab er auf. Jenkins Bein war beinahe gebrochen. Der Champion hinkte in die Umkleidekabine. Das Ende konnte dann kaum noch verwundern. Jenkins' Bein war inzwischen stark geschwollen. Runde 3 wurde in der 17. Minute entschieden. Gotch bearbeitete weiter das angeschlagene Bein. Jenkins hatte kaum noch einen aufrechten Stand. Der Champion musste sich durch den arm bar und headlock geschlagen geben. Neuer US-Champion war somit Frank Gotch.

Mit diesem Sieg in Kansas City war das Rennen um den US-Title entschieden. Jenkins musste Gotch nun unwiderruflich als "American Heavyweight Champion" anerkennen. Nur noch Fred Beell gelang es am 01. Dezember 1906 in New Orleans, das Titelgold ansich zu reißen. Aber schon am 17. Dezember 1906 musste er es in Kansas City wieder an Gotch abgeben. Die Geschichte des US-Title verlief nach 1908 nicht mehr so spannend, wie zu Zeiten um die Jahrhundertwende. Am 3. April 1908 besiegte Gotch in Chicago Weltmeister George Hackenschmidt. Der neue World Champion hieß jetzt Frank Gotch. Eine Fortführung von World Title und US-Title kam nicht in Betracht. Letzterer wurde später eingestellt. Die Matchserie mit Jenkins ging allerdings weiter. Beim 7. Kampf am 14. Juni 1909 in Des Moines siegte Gotch. Das letzte Mal trafen sich beide am 25. März 1911 in Denver. Jenkins verlor erneut. Somit hatte Gotch auch die Matchserie mit 5:3 endgültig für sich entschieden.

Gotch sagte danach noch: "Now I can hold my head up again amongst my friends in Buffalo, Minneapolis, Iowa and Kansas City - all trough the West, where my many friends were at a loss to explain my defeats by Jenkins a year ago. The loss of the championship hurt me, but not so much as the fear that I had somehow forteited the respect of my friends."

Jahrhundertkämpfe haben manchmal etwas mehr bewegen können, so dass sie noch einige Zeit in Erinnerung blieben. Sie versorgten die örtliche Sportpresse mit allerlei Gesprächsthemen. Mitunter wurde schon damals gemunkelt, ob im Ring alles so seine Richtigkeit habe. Aber trotz vielerlei Diskussionen, erfreuten sich die Fans an den sportlichen Leistungen ihrer Favoriten.

Teil 2
Sieg des Russischen Löwen


Ende 1903 präsentierte der Veranstalter und Manager Antonio Pierri, dem Publikum in England einen neuen Schützling aus Istanbul, Ahmed Madrali. Er sollte sich gegen den aufsteigenden George Hackenschmidt stellen. Pierri schwor Rache, nachdem ihn Hackenschmidt gleich zwei Mal besiegte. Es entbrannte eine Rivalität und Pierri versuchte durch Werbeplakate, Madrali ins bessere Rampenlicht zu stellen. In England erschienen Werbeschriften, dass der Türke um ein Vielfaches besser sei, als dieser Osteuropäer. Es dauerte nicht mehr lange, bis auch die Herausforderung folgte. Pierri saß höchstpersönlich im Hintergrund und zog die Fäden.

Am 30. Januar 1904 war die Olympia Halle in London voll bis oben hin. Auf dem Programm stand die "Weltmeisterschaft im griechisch-römischen Stil". Madrali betrat den Ring mit seinem Manager Pierri. Hackenschmidt erschien in Begleitung von Jakob Koch. In diesen Stunden blickte die Wrestlingwelt in die britische Hauptstadt. Dieser Jahrhundertkampf sollte einen Stein ins Rollen bringen. Der Tag wurde aber zur bitteren Enttäuschung für Madrali, denn lange mussten die Zuschauer auf die Entscheidung nicht warten. Kurz nach Beginn versuchte Madrali sofort seinen Gegner an der Hüfte zu packen. Hackenschmidt konterte den Griff aus und hob den Türken hoch. Mit einem zielgerichteten Wurf sollte Madrali auf den Schultern landen. Doch beim Fall stürzte er so unglücklich, dass er sich dabei einen Arm auskugelte. Der Kampf war entschieden: Madrali wurde dadurch außer Gefecht gesetzt. Die Zuschauermassen jubelten dem Sieger zu. Pierri akzeptierte das Ergebnis nicht, Hackenschmidt hätte nur durch Zufall gewonnen. Monate später folgte der Rückkampf, den Madrali eindeutig verlor.

Die türkischen Wrestler wie Selim, Nourlah, Kara Ahmed, Ahmed Madrali, Court Derelli und Ismail Yusuf spielten im Pro-Wrestling bereits früh eine Rolle. Abgesehen von den einheimischen Stilen, brachten erst europäische Ringer die Türken nach England, Frankreich und in die USA. Was schlussendlich den Einstieg ins Profigeschäft bedeutete. Die Hauptverantwortlichen hinter den Kulissen waren Pierri und Altmeister Jean Doublier aus Frankreich. Besonders Doublier setzte sich stark für die türkischen Wrestler ein. Pierri startete schon im Jahre 1890 mit der Austragung von Freistilturnieren. Der Hauptschwerpunkt lag in London. Vorgesehen bei solchen Turnieren war stets der "catch-as-catch-can Style". Pierri war einer der ersten Veranstalter überhaupt im Profigeschäft.

Der Kampf vom 30. Januar 1904 schlug hohe Wellen. Selbst in Nordamerika realisierte man Hackenschmidts Sieg. Doch tausende Kilometer über dem Atlantik galt nur ein Wrestler als der wahre Champion, Frank Gotch. Kurz vorher besiegte Gotch in Bellingham (Washington) den Champion Tom Jenkins. Dadurch war er jetzt der "American Heavyweight Champion". In London wird Hackenschmidt zum "World Heavyweight Champion" ausgerufen. Die "Weltmeisterschaft" war tatsächlich nicht mehr inoffiziell. Zum ersten Mal in der Geschichte des Wrestlings wird ein Wrestler als "World Champion" anerkannt. Allerdings vorerst nur für den "Greco-Roman Style" und begrenzt auf Europa, denn die USA erkannten diesen Titel nicht an. Kein Wunder, da "Greco-Roman Wrestling" hier keine Rolle mehr spielte. Das Wrestling wurde durch den freien Stil bestimmt. Und der hatte seit 1893 längst einen Titel in den USA. Der "American Heavyweight Title" war die höchste Trophäe.

Inoffizielle Ernennungen zu "World Champions" gab es vorher zu Hauf. Aber stets fehlte dazu die Legitimität. Jetzt hatte zumindestens die alte Welt ihren ersten richtigen "World Champion" - und der wurde in ganz Europa anerkannt. Vorher war das nämlich anders. Auch wenn Hackenschmidt erst 1905 in Nordamerika als Champion anerkannt wurde, so war er in Europa schon mit Datum des 30. Januar 1904 "World Champion". Die vollständige Anerkennung dauerte für Hackenschmidt mehrere Jahre. Den Beginn machten einige Turniere im Jahre 1901. Durch Siege u.a. in Hamburg, Berlin, St. Petersburg, Wien und Paris wurde er bereits als Champion gehandelt.

Ein wichtiger Sieg gelang ihm bei der WM in Paris. Am 19. Dezember 1901 besiegte er den "König der Ringer" Constant le Boucher. Ein technisch sehr guter Wrestler. Acht Tage später kam der Rückkampf, den er ebenfalls gewann und damit die WM. Am 04. September 1902 folgte in Liverpool der nächste wichtige Kampf. Diesmal hatte Hackenschmidt allerdings einen schweren Brocken vor sich, Altmeister Tom Cannon. Der Ringkampflehrer hielt noch immer den hochrespektierten "European Greco-Roman Title". Aber Hackenschmidt war jung und kräftig, Cannon hingegen 25 Jahre älter. Die ganze Erfahrung von Cannon brachte nichts, auch er musste die Überlegenheit seines Gegners anerkennen. Hackenschmidt wurde neuer "European Greco-Roman Champion". Er war der letzte Träger dieses Titels. In England schlug das wie eine Bombe ein. Cannon wurde besiegt. Unglaublich! Der Sieg gegen Madrali brachte ihm dann die offizielle Ernennung in Europa ein.

England ist das Land der Wrestlingtraditionen. Mit dem Cumberland, Westmoreland, Devonshire, Cornwall und Lancashire Style, hatten die Briten uralte tief verwurzelte Traditionen. Und der Lancashire Style war der Ursprung aus dem der "catch-as-catch can" hervorging. Schillernde Figur war hier über mehrere Jahrzehnte Tom Cannon. In England gab es nie so ein starkes Gefälle zwischen Stadt- und Landbevölkerung wie in Deutschland. Aber die Stile machten sich auch gegenseitig Konkurrenz. Die ländlichen Stile, wie der Cumberland Style, hatten mitunter eine jahrtausendelange Geschichte. Auch hier starteten damals Turniere unter freiem Himmel. Häufige Austragungsorte fand man in Carlisle und Grasmere. Im 18.Jh. war Thomas Topham ein bekannter Kraftathtlet, der sowohl im Boxen wie im Wrestling kämpfte. Zur Jahrhundertmitte 19.Jh. waren William Jackson und Richard Chapman häufige Sieger und Teilnehmer. 1864 erschien dann Georg Steadman, der 33 Jahre lang den Cumberland- und Westmoreland Style dominierte. Der Gewinner zahlreicher Turniere verstarb 1904 in Brough (Westmoreland). Ein jährliches Großereignis war der "Carlisle Silver Cup". Ein Turnier, das Tausende Zuschauer anlockte. In Cumberland boten die "Langworthy Rounds" eine gut besuchte Attraktion.

In den USA vollzog sich derweilen ein Titelwechsel: Gotch verlor den US-Title an Tom Jenkins. Wenige Wochen später kam der berühmte Jahrhundertkampf Hackenschmidt gegen Jenkins im "Madison Square Garden" von New York. Der nächste Jahrhundertkampf führt ins Jahr 1905. Gleich zweimal kam es zu einer Begegnung, die die Wrestlingszene nachhaltig für die kommenden Jahre beeinflusste. In Nordamerika und Europa mischten bereits mehr Menschen im Showgeschäft mit, als noch 20 Jahre zuvor. Dabei machten sich ebenfalls die unterschiedlichen Stilrichtungen in den Ländern bemerkbar. Während in England und den USA das Freistilringen vorherrschte, kämpfte man in Mitteleuropa nach dem griechisch-römischen Stil aus Frankreich. Die steigende Zahl von Wrestlern Ende des 19.Jh. hielt auch Anfang des 20.Jh. an. Geschäftsleute und Unternehmer investierten in Shows, die aber im Durchschnitt wenig erfolgversprechend waren. Mit Wrestlingshows lies sich noch kein großes Geld verdienen. Ausnahmen bildeten sicherlich Kämpfe mit den beliebtesten Wrestlern.

Zu Beginn des 20.Jh. ist das Wetten bei Shows noch sehr beliebt. Umso gereizter war das Publikum als man bemerkte, dass nicht wenige Shows manipuliert wurden. Der Umbruch hin zum Unterhaltungssport dauerte mehrere Jahre. Eine Abkehr vom traditionellen Greco-Roman Wrestling war einer von vielen Schritten, um den amerikanischen Ringkampf zukunftsfähig zu gestalten. War das USA-Wrestling vorher noch hart und unberechenbar, setzte man später auf die Unterhaltung. Das Publikum wollte keine stundenlangen Kämpfe sehen. In den 1890er Jahren bekam der Freistil immer mehr Bedeutung. Frühe Vorbilder waren die Einwanderer aus England. Sie sind für die Verbreitung des catch-as-catch-can mitverantwortlich gewesen. Mit der Devise "vom Scheitel bis zur Hüfte" war es allmählich vorbei. Jetzt hieß es "vom Scheitel bis zur Sohle".

Obwohl das Greco-Roman Wrestling in den Hintergrund trat, fand es sich dennoch im mixed style Wrestling wieder. Um die Jahrhundertwende sorgte auch Martin Burns für ein aufkommendes Interesse am Wrestling. Tom Jenkins und Frank Gotch gehörten zu den wenigen, der von diesem Interesse profitieren konnten. Die Bezeichnungen "American Catch Wrestling" oder "American Freestyle Wrestling" charakterisierten ebenfalls den Aufbau einer Pro-Wrestling Szene. Ehe diese allerdings ihre richtige professionelle Form erreichte, vergingen noch etliche Jahre. Was fehlte war ein World Title.


George Hackenschmidt

In den USA galt nur der "American Heavyweight Title" als höchste Trophäe. In Europa war es der "European Greco-Roman Title". Man hatte also von vornherein schon zwei Titel, die die beiden unterschiedlichen Kampfstile in Konkurrenz zueinander vertraten. Spätestens seit dem 30. Januar 1904 hatte zumindestens Europa einen World Heavyweight Champion. Damals besiegte George Hackenschmidt in London den Türken Ahmed Madrali. Nordamerika erkannte diesen Titel jedoch nicht an. Am 04. Mai 1905 stand ein wichtiges Match bevor, dass nicht nur die Karriere der Kontrahenten beeinflusste.

Es ist ein Rückkampf gewesen, dessen Geschichte schon im Sommer 1904 in London begann. Die Anerkennung oder besser gesagt die Entstehung des ersten World Titles zog sich über mehrere Jahre hin. Erst diese beiden Kämpfe konnten letztendlich das Tor aufstoßen. In Amerika hatte man Hackenschmidt´s Erfolge längst registriert. Da es auf beiden Kontinenten schon einen gewissen Konkurrenzgedanken gab, ist es unumgänglich gewesen, jetzt die eigenen Schützlinge in den Kampf zu schicken. Die Spitze der amerikanischen Wrestler war 1904 relativ winzig. Zu den besten Athleten jener Zeit gehörte Tom Jenkins. Er wurde später ein vielgeschätzter Ringkampflehrer an der Militärakademie in West-Point. Jenkins konnte bereits als American Heavyweight Champion überzeugen. Jetzt lag das Augenmerk beim europäischen Champion. Ein Siegeszug über die alte Welt war sowieso längst überfällig. Dieser Weg sollte sich aber als sehr schwierig erweisen.

Eines Tages tauchte Jenkins Manager Harry Pollok auf und verkündete die nahe Ankunft seines Schützlings in England. Die Fahrt über den Atlantik lies nicht mehr lange auf sich warten. Im März 1904 berichtete das mächtige Presseblatt der deutschen Berufsringer, die "Illustrierte Athletik Sportzeitung": "Tom Jenkins, der catch-as-catch-can Meister von Amerika, dessen Überfahrt nach Europa bereits gemeldet wurde, ist in London angekommen und bereitet sich auf verschiedene Kämpfe vor." Für den 02. Juli 1904 wurde ein großes Match Hackenschmidt vs. Jenkins angekündigt. In der Zwischenzeit kamen noch andere Wrestler und wollten diverse Matches gegen den "Russischen Löwen" bestreiten.

Georg Lurich und Alexander Aberg reisten ebenfalls nach England. Im Jahre 1904 gab es gleich mehrere Turniere in London, die unter der Leitung von Antonio Pierri veranstaltet wurden. Im Gewirr der Herausforderungen fielen oft die Bezeichnungen "Weltmeisterschaft" und "World Champion". Zum stärksten Konkurrenten für Hackenschmidt kristallisierte sich zunächst Lurich heraus. Als dieser in London auftauchte, deponierte er eine hohe Summe bei der Zeitung "Sporting Life". Eine Herausforderung erging an Hackenschmidt und an die vielen Schützlinge von Pierri. Dazu zählten Curt Derelli, Halil Adali und Nourlah. Gleich mehrere Aufforderungen verliefen im Sande. Hackenschmidt wollte nur gegen englische Amateure antreten. Lurich lies nicht locker. Die Londoner "Sportsman" verkündete ein Inserat von Lurich: "Hiermit fordere ich Hackenschmidt zum dritten Male auf, mit mir um einen gegenseitigen Einsatz von 300 Pfund zu ringen; daß Hackenschmidt eine gewisse Zeit zum Training für diesen Kampf brauchen würde, verstehe ich, aber was ich nicht verstehe, ist, daß ich von Hackenschmidt noch keine Antwort auf meine Aufforderungen erhalten habe." Er bekam auch hierauf keine Antwort.

Tage später schrieb Lurich im April 1904 an die Zeitung "Sportsman": "Da Hackenschmidt durchaus nicht mit mir ringen zu wollen scheint, so will ich ihm ein uneigennütziges Anerbieten machen, welches einzig in seiner Art und wohl noch von keinem anderen jemals gewagt worden ist: Ich erkläre mich bereit, ohne Honorar zu jeder Zeit mit Hackenschmidt zu ringen, auch überlasse ich es Hackenschmidt, den Ort unseres Kampfes zu bestimmen, außerdem zahle ich 50 Pfund an Hackenschmidt, falls ich ihn nicht innerhalb einer Stunde regelrecht werfe, und 100 Pfund zahle ich an Hackenschmidt, falls er mich besiegen würde, seinerseits beanspruche ich keine Gegenprämie. Mehr kann ich nicht tun und wenn Hackenschmidt jetzt noch sich weigert, mein ehrliches, uneigennütziges Anerbieten anzunehmen, so ersieht wohl ein jeder, daß Hackenschmidt Furcht hat, mit mir zu ringen. Ich gebe Hackenschmidt noch zwei Tage Zeit, sich zu besinnen, erfolgt diesesmal wieder keine Antwort, so wird sich jeder unparteiische Leser ein Urteil bilden können, wer von uns beiden der wirkliche Champion im griechisch-römischen Ringkampf ist."

Die Herausforderungen verliefen im Sande. Ein für den 23. April 1904 angesetztes Match lies Hackenschmidt verstreichen. Im Londoner "Crystal Palace" kämpfte Lurich stattdessen gegen den "Bulldog" Tom Clayton. Diese Weigerungen von Hackenschmidt brachten so einige Zweifel an seiner Weltmeisterschaft hervor. War man nachdem Sieg gegen Madrali noch überzeugt einen echten World Champion zu haben, hieß es jetzt, Lurich sei mindestens genauso gut. Wieder kam es zu Spekulationen über den bevorstehenden Kampf mit dem amerikanischen Champion. Jenkins lies eine Herausforderung verlauten. Es sollte ein Match im amerikanischen Freistil (catch-as-catch-can) folgen. Diese Regelung akzeptierte Hackenschmidt´s Manager Charles Cochran nicht, da er Jenkins klar im Vorteil sah. Die Festsetzung des Kampfes zog sich über Wochen hin. Man fand keine passende Lösung über den Stil. Hackenschmidt pochte auf den griechisch-römischen Stil, Jenkins dagegen auf den Freistil. Der Amerikaner hatte schon seit seiner Abreise aus den USA die feste Absicht, im Freistil zu kämpfen. Doch das blieb ein Wunsch. Hackenschmidt weigerte sich bislang, da er bis September noch ausreichend Verpflichtungen zu erfüllen hätte.

Die mächtigsten Zeitungen des Landes erzeugten einen gewissen Druck. Als das Wort "Feigheit" fiel, musste er handeln. Und so überraschte die Zustimmung zum Kampf kaum noch. Nach einem Hin und Her einigte man sich auf ein Match im griechisch-römischen Stil. Die Vorankündigungen, wie diese, ließen die Kassen klingeln: "Georg Hackenschmidt hat nun doch die Herausforderung des amerikanischen Meisters Tom Jenkins angenommen. Der Zweikampf, welcher nach griechisch-römischen Ringregeln innerhalb zehn Wochen ausgetragen werden soll, geht um einen Einsatz von 250 Pfund Sterling jederseits und wird bis zur Entscheidung fortgesetzt, wobei jedoch nach je 15 Minuten Ringens den beiden Kämpfern immer zwei Minuten Restzeit gewährt werden. Jenkins ist 30 Jahre alt, 179 Zentimeter groß und wiegt 90kg. Das Zusammentreffen soll in Manchester stattfinden, in welcher Stadt das Interesse des Publikums an Ringkämpfen ebenso groß ist, wie in London. Die englischen Sportzeitungen sind darüber sehr ungehalten, daß Hackenschmidt nun mit Jenkins und nicht mit Lurich ringen will, obgleich Lurich ihn viel früher aufgefordert hatte. Hackenschmidt entschuldigte sich erst damit, daß er in Bälde nach Australien fahre und bis dahin kein Match akzeptieren wird, und nun will er doch mit Jenkins ringen. Die hiesigen Zeitungen schreiben alle, daß sie 50 gegen 1 wetten, daß Hackenschmidt Jenkins leicht werfen könne, da Jenkins fast so wenig wie Madrali griechisch-römisch zu ringen verstehe."

Manchester hatte das Nachsehen. Als Austragungsort wählte man die "Royal Albert Hall" in London. Am 02. Juli 1904 war diese Halle mit rund 6000 Zuschauern ausverkauft. Zum ersten Mal trafen die beiden Champions aufeinander. Ein Duell Nordamerika vs. Europa. Über Jenkins gab es bisweilen spotthafte Äußerungen. Er sei kein würdiger Gegner für die Weltmeisterschaft im griechisch-römischen Stil. Zumal habe man Jenkins selbst in dessen eigenen Kampfstil schlagen können. Diese Kritik musste er bereits in den USA hören. Europa gewann das wichtige Match in London. Jedoch selbst für den deutlich stärkeren Hackenschmidt war es kein leichtes Unterfangen. Innerhalb der ersten Minuten versuchte Hackenschmidt seinen Gegner gleich mehrmals zu bezwingen. Der Pinversuch scheiterte dreimal. Der in der Defensive kämpfende Jenkins lief in einen Half Nelson. Nach 20 Minuten hatte Hackenschmidt beide Schultern von Jenkins auf den Boden bekommen. Somit sicherte er sich den ersten Pin. Der Amerikaner versuchte in Runde 2 eine andere Strategie. Auf die energische Kampfweise des Osteuropäers antwortete er plötzlich mit regelwidrigen Griffen. Aber den Half Nelson konnte Jenkins dadurch nicht mehr abwehren. Der erste Versuch missglückte. Der schon gezeichnete Jenkins rechnete aber nicht mehr mit der Schnelligkeit des Gegners. Es folgte wieder ein Half Nelson. Nach 14 Minuten war Jenkins besiegt. Beiden Kämpfern kamen jubelnde Zurufe entgegen.

Hackenschmidt schrieb in seiner späteren Biografie dazu: "There is no need for me to enter into any description of the troubles, legal and otherwise, connected with my next big encounter. They were far from being pleasant to either Jenkins or myself, but since neither of us wished to disappoint the public we readily agreed to the final makeshift arrangements and met on the mat before 6,000 people at the Albert Hall on July 2, 1904."

Hackenschmidt reiste danach Richtung Australien ab. Im Hintergrund zogen allerdings schon zwei Männer die Fäden für den Jahrhundertkampf in New York. 10 Monate nach seiner Niederlage hoffte Jenkins auf den 04. Mai 1905. Diesmal sollte die Entscheidung in Nordameria fallen. Hackenschmidt hatte Jenkins diesen Rückkampf versprochen. Nach einem kurzen Abstecher von Australien nach Neuseeland, reiste er mit dem Schiff über den Pazifik Richtung San Francisco. Kaum war er in San Francisco angekommen, da forderte ihn Jenkins heraus. Schon im damaligen Wrestling war die Funktion der Promoter und Manager sehr wichtig. Durch entsprechende Kanäle und Vorarbeiten konnten viele Wrestler erst richtig starten.

In London stieg derweilen Charles Cochran, Manager von Hackenschmidt, in ein Schiff Richtung New York. Der zukünftige World Champion musste nach seiner langen Abwesenheit wieder in Europa kämpfen. Cochran hatte die klare Absicht den berühmten Schützling schnell mitzunehmen. Er war der Meinung, dass Hackenschmidt aus freien Stücken keine großen Matches in Amerika bestreiten würde. Aber ein gewisser Harry Pollok wusste das zu verhindern. Pollok, Jenkins Manager, fing Cochran gleich nach dessen Ankunft im New Yorker Hafen ab. Es kam zu einem Treffen, wo man den Vertrag für einen Rückkampf ohne Hackenschmidt´s Zustimmung unterzeichnete. Pollok schaffte es Cochran zum Einlenken zu bewegen. Der setzte schließlich doch die Unterschrift unter den Vertrag. Das Match schien so gut wie im Kasten zu sein. Aber Cochran´s Schützling war über diese internen Absprachen wenig begeistert. Hackenschmidt wollte zuerst in Europa kämpfen. Auf dem Weg nach New York traf er in Chicago auf Charles Cochran. Der begleitete ihn bis zum "Big Apple".

Eine große Wahl schien es nicht zu geben. Pollok hatte den unterschriebenen Vertrag bereits in den Händen. Dort fand sich aber lediglich die Signatur des Managers. Nachdem Hackenschmidt den "Big Apple" erreicht hatte, musste sofort ein Gespräch mit Jenkins Manager folgen. Das Treffen verlief eher unerfreulich für den Europäer. Er plädierte dafür das Match hinauszuschieben. Pollok lehnte ab. Somit wurde ihm ein Match gegen seinen Willen auferzwungen. Den Zuschauern interessierte das aber herzlich wenig. Sie wollten endlich Action sehen. Der Rückkampf stand nun unmittelbar bevor. Es war kein festgesetztes Titelmatch um den US-Title von Jenkins. Am Abend des 04. Mai 1905 stand vor dem New Yorker "Madison Square Garden" eine lange Menschenschlange. Alle wollten sie rein in die Veranstaltungshalle, die die Wrestlingszene der USA heute noch mitbestimmt. Ein geschichtsträchtiger Ort mit einer über 120jährigen Tradition von Box-und Wrestlingkämpfen. Auch vor 100 Jahren war das Wrestling in Amerika schon populär. Es gab sogar Zeiten wo man sich gut mit dem Baseball und Pferderennen messen lassen konnte. Und das sind die Sportarten damals schlechthin gewesen. Die Showbühne des MSG wurde zum Austragungsort Nordamerika vs. Europa. In den Sekunden des Sieges hatte die Wrestlingwelt ihren ersten unumstrittenen World Heavyweight Champion. Jetzt galt dieser Titel auch in Nordamerika. Es musste letztendlich ein Kampf gegen Jenkins folgen. Die Kontrahenten ließen die Muskeln spielen. Nat Fleischer lieferte schon im Jahre 1936 eine umfassende Beschreibung über diesen Kampf. Lassen wir ihn deshalb zu Wort kommen:

"The bout was to have been two falls out of three, but Hack rose in his might and slammed the American to the canvas for two quick falls, the first in 31 minutes, 15 seconds, and the last in 22 minutes, 4 seconds. Jenkins never had a chance. He proved but a plaything in the hands of the mighty Russian. Hackenschmidt was extremely upset when he crawled between the ropes and, although the vast crowd greeted him with an uproar of cheers, it failed to bring a smile to his lips. He was magnificent when he threw off his bathrobe. He stood 5 feet, 10 inches and weighed 208 pounds. Jenkins weighed eight pounds less, but was an inch taller. At the sound of the gong, Hack was off his stool like a flash, kicking the inoffensive chair through the ropes in his mad dash to get at the American. Jenkins met him halfway with a body check, but was flung up against the ropes with the force of the impact.

George leaped at Jenkins and brought bot hands up to the back of the neck. Jenkins jumped up and down as if trying the Russian´s strengh and then wrenched himself clear. Hack was after him in a lionlike leap, but Jenkins tincanned about the ring. The Russian stopped him short and reached up for the neck, but Jenkins struck both hands away and then sprang behind. The foreigner whirled as though on a pivot and met him with a clinch about the neck. Try as he might, Jenkins failed to loosen the hands but Hack ended matters by hurling the American the length of the ring, Jenkins coming up with a jerk on the ropes. Four times in all Hackenschmidt grabbled Jenkins and flung him from him, each time the ropes saving the American from a bad fall. As the men maneuvered about for a hold, Jenkins suddenly dove in for the legs. He fastened his dangerous hold, the thigh grip, but Hack shook himself lika a dog after a swim and Jenkins was splashed off like a spray. The instantaneous and easy way that the Russian disposed of one of the deadly grips of the catch-as-catch-can champion made the crowd gasp. Jenkins looked worried, but gamely took the offensive. Hackenschmidt leaped in with his neck hold and the two wrestled head to head, straining for a wall.

The American was the first to give way. Suddenly he slipped behind and locked both arms about Hack´s stomach, at the same time lifting him in the air. The Russian seemed to contract all his muscles, then sprang free. Jenkins looked at him open-mouthed! That wasn´t wrestling, it was more like a lion jumping through a paper hoop! Once more Jenkins darted behind, but Hack almost swept the American off his feet with a free sweep of his left hand. As quick as a flash, Hackenschmidt gave Tom the foot and the American crashed to the mat, Hack immediatly jumping behind and starting to work furiously over him. He locked on a half-nelson and then began to heave and push with all his strengh and weight. Jenkins managed to get to all-fours and then assumed a sitting position, with Hack still behind. The crowd went crazy when the American wrenched himself clear and jumped to his feet. The sole of Jenkin´s left shoe became loose after ten minutes of fast standing work and he stopped the bout until he could rip off the shoe, continuing with his foot bare.

He managed to work behind and threw Hackenschmidt at the twenty-five minute mark, but could not hold the Russian, who leaped to his feet with a snarl. The constant battering was weakening Jenkins and he began to gasp for breath. Hack feinted for the legs and then came in with a half-nelson, both hands up under the chest and clasped about the back of the neck. Inch by inch, he twisted the American over and then flopped him to the canvas, pinning both shoulders to the mat. Referee Hurst failed to see the fall and signalled Hackenschmidt to go on. A minute later Hackenschmidt had both shoulders squarely resting upon the pad and this time Hurst slapped him on the back. Jenkins got to his feet and walked on shaky legs to his corner, where he sank into his chair. Hack went sprightly over to his corner, popped into his bathrobe and then lightly vaulted over the rope (four feet high) and ran upstairs, two at a time, to his dressing room. Jenkins followed more slowly two minutes later. At the end of fifteen minutes both men appeared, Jenkins much refreshed from a cold shower and brisk rub-down.

Jenkins assumed the offensive for the first few minutes, holding the Russian even trying trick after trick in an effort to bring his man to the canvas. Hack broke the grips with ease and then suddenly placed both hands under Jenkins´arms and whirled him about in the air, then slammed him to the canvas. Hack immediatly worked his way behind and, although Jenkins wriggled out of some dangerous holds, he quickly weakened under the mauling, and at the end of 22 minutes he fell back under a half-nelson."

Der 27jährige George Hackenschmidt hatte seinen Zenit erreicht. Nach vielen und schweißtreibenden Matches hielt er endlich den verdienten Lohn in den Händen. Seit den Turnieren in Europa ist sehr viel Zeit vergangen. Von 1901 an schien die Erfolgsgeschichte des Osteuropäers kaum zu stoppen zu sein. Constant le Boucher, Ahmed Madrali, Antonio Pierri, Tom Cannon und viele mehr wurden besiegt. Weltklasse Athleten mit großer Bedeutung. Hackenschmidt äußerte sich später über den 04. Mai 1905 mit den Worten: "This match with Jenkins, however, was the first big one in which I had engaged entirely under "catch-as-catch-can" rules, and considerable interest was perhaps, naturally felt throughout America on this account." Am 05. Mai 1905 schrieb die "New York Times": "Jenkins was handled lika a pigmy in the hands of a giant."

Manche Kritiker in Europa wollten den neuen World Title nicht anerkennen. Mitunter erschien es schwierig einen ehemaligen Greco-Roman Champion als Freestyle Champion zu verkaufen. Die meisten Zweifler wurden allerdings aus dem Weg geräumt. Die Stunde des World Title hatte geschlagen. Georg Hackenschmidt war jetzt erster World Heavyweight Champion von Europa und Nordamerika.

Teil 3
Weltmeisterschaften in Paris und St. Petersburg


Ob William Muldoon, Frank Gotch oder Tom Jenkins - die wahre Geschichte vieler Berufsringer begann erst in Europa. Jahrhundertkämpfe waren kein amerikanisches Phänomen, sondern erschienen Ende des 19. Jh. auch auf unserem Kontinent. England und Frankreich hatten zu diesem Zeitpunkt hier die meisten Berufsringer vorzuweisen. Während man in London durchaus vom „Wrestler“ sprach, hielt es Paris eher mit den Bezeichnungen „Professionals“, „Berufsringer“ oder „Konkurrenten“. In der Tat waren schon im 19.Jh. offiziell Berufsringer unterwegs, die mit der Kunst des Ringkampfes ihr Geld verdienten. Allerdings gab es bei weitem noch Unterschiede in der Kampfweise beider Staaten. Während die Engländer im freien Ringkampf glänzten, erschufen die Franzosen ihren eigenen Stil. Sie nannten ihn "griechisch-römisch". Er entstand in der Profiform Mitte des 19.Jh. in Südfrankreich. Mit den Traditionen aus der Antike hatte er aber nur noch wenig gemeinsam. Der Stil aus Frankreich erfasste auch Mitteleuropa. Man stand nun im starken Gegensatz zu den Amerikanern und Engländern. Die Lehrer aus Frankreich waren auch die ersten Ringer, die als Profis am Boden kämpften. Unter „Wrestler“ verstand man in Europa etwas anderes, als in der neuen Welt. Die Kampfweise der Franzosen wurde lange hoch gehalten. Ein Wrestler entsprach hier einem Ringer, der nach griechisch-römischen Regelwerk antrat. Man konnte sich wenig mit Freistilringkämpfen identifizieren. Es dauerte sehr lange, bis die französischen Traditionen in Mitteleuropa aufgebrochen wurden. Im Prinzip erst mit dem Auftauchen des Catchens.

Was man gerne als "Berufsringkampf" titulierte, brauchte eine Weltmeisterschaft. Bis in das Jahr 1897 waren die europäischen Ringer als einzelne Kämpfer unterwegs. Sie versuchten ihr Glück im Zirkus, Varietè oder auf dem Jahrmarkt. Sie bestritten einzelne Herausforderungen gegen Leute aus dem Publikum. Die Amerikaner nannten dies "Gambling". Auch nach 1897 ist dies noch der Fall gewesen, obgleich sich die Masse der Ringer in Vereinen/Verbänden konstituierte. Die einstigen Lehrer dieser Kraftmenschen waren frühe Kraftakrobaten, die noch den Ringkampf und das Gewichtheben gleichzeitig betrieben. Ihr Betätigungsfeld brach zusammen mit der Einführung größerer Turniere. Veranstalter in Brüssel hielten vom 07. bis 13. August 1897 eine sogenannte „Weltmeisterschaft“ mit 80 Ringern ab. Eine unvorstellbar große Zahl von Teilnehmern, da es, außer in England, vorher nie solche Konstitutionen gab. In England wurden große Turniere, etwa im Cumberland oder Westmoreland Style, schon Jahrhunderte vorher unter freiem Himmel ausgetragen. Der Franzose Maurice Gambier siegte im Mittelgewicht. Den zweiten Platz sicherte sich Trillat le Savoyard und Dritter wurde Francois Fournier, eine wahre Legende in Frankreich. Schwergewichte fanden hier vermutlich keinen Zutritt, da dieses Turnier heute als erste (europäische) Weltmeisterschaft im Mittelgewicht gewertet wird. Aber nur mit Mittelgewichtlern ließ sich auf die Dauer kein Geld verdienen. Schwergewichtlern ist das Anrecht nach Weltmeisterschaften dann vermehrt zugesprochen worden. Erst Paris sollte 1898 die erste offizielle WM im Berufsringkampf abhalten. Weltmeisterschaften gab es eigentlich schon viel früher. Im Boxen eher als im Wrestling. Im Wrestling nur in Form einzelner Matches, wie bereits beschrieben. Das Auftreten von ganzen Turnieren war neu. Die Amerikaner sahen ihre Stellung im Wrestling schon früh als wichtig an. So erschienen erste inoffizielle WMs hier bereits in den 1880er Jahren. Aber freilich blieb davon nicht viel übrig.

In Paris wollten die Veranstalter von Amateuren nichts wissen. Sie ließen nur Berufsringer antreten. Der Franzose Pierre de Lucenski rief einen Kreis elitärer Ringer zusammen, die die erste offizielle WM austragen sollten. Man fand unter ihnen fast alle großen Kämpfer der Zeit wie: Jean Doublier, Augusté Robinet, Apollon, Paul Pons, Ladislaus Pytlasinski, Tom Cannon, Laurent le Beaucairois, Raoul de Cahor, Boye le Marseille, Joseph Bondaux, Aimable de la Calmette, Cartanzi, Constant le Boucher, Viktor Daumas, Court Derelli, Fènèlon, Paul le Masson, Nicolai Petroff, Pietro II und die große franz. Legende Sabès. An Hand der Namen lässt sich sehr gut ableiten, welche Rolle die Franzosen damals spielten. Von einer Überzahl osteuropäischer Ringer kann man hier wohl kaum sprechen, wie es gerne mal postum behauptet wird. Ein Faktum ist, dass es erst in Paris losging und nicht in St. Petersburg. Vermutlich öffnete das berühmte Pariser Theater „Folies Bergères“ am 17. Dezember 1898 seine Pforten für das WM-Turnier. Für diese Lokalität entschieden sich Lucenski und seine Finanziers. Wahrscheinlich war daran auch eine der großen Pariser Sportzeitungen beteiligt. Im Finale standen sich Paul Pons und Ladislaus Pytlasinski gegenüber. Den Wettstreit entschied der Franzose Paul Pons. Jener Ringer, der zu den Stärksten Frankreichs zählte. 1888 wurde er Schüler von Altmeister Felix Bernard in Bordeaux. Pons glänzte noch mal in den Jahren 1899, 1900 und 1907, als er erneut das WM-Turnier gewann. Er fand ein unehrenhaftes Ende in Mitten des Erstes Weltkrieges. Beim Angeln stolperte er kopfüber in den Fluss Garonne und ertrank jämmerlich. Auf Platz 3, nach Pons und Pytlasinski, landete Maurice Gambier. Vierter wurde ein aus Wien stammender Ringer namens Cyrill Wetasa. Es gibt keine genauen Aufzeichnungen mehr, wo alle Kampfverläufe abzulesen sind. Der Historiker Gerhard Schäfer geht davon aus, dass der Endkampf zwischen Pons und Pytlasinski am 25. Dezember 1898 ausgetragen wurde. Fast verschwunden dagegen ist jene WM, die noch im gleichen Zeitraum in Paris stattfand. Sie war kürzer, vermutlich nur auf drei oder vier Tage festgesetzt worden. Ende Dezember 1898 gewann der Türke Kara Ahmed das zweite WM-Turnier. Für den zweiten Platz qualifizierte sich Constant le Boucher. 1898 gab es dann noch ein drittes Turnier, den „Großen Preis von Paris“. Pytlasinski siegte vor le Boucher und Aimable de la Calmette.

Das dritte WM-Turnier erreichte im März 1899 schließlich St. Petersburg. Es ging über Wochen, was danach in Russland keine Seltenheit mehr war. Am 19. Mai 1899 bekam der Bulgare Nicolai Petroff, nach seinem Sieg über A. Meo, eine Goldmedaille überreicht, was gleichzeitig den Turniersieg bedeutete. John Pohl aus Deutschland, genannt „Abs II“, gewann die Silbermedaille. Platz 3 sicherte sich ein Ringer namens George Hackenschmidt. Er besiegte am 14. Mai 1899 Ursus Jankowski. In Westeuropa nahm man noch keine Notiz von Hackenschmidt. Ein Trugschluss, der sich spätestens 1902 mit dem Sieg über Tom Cannon bestätigte. Danach war er es, der zur Spitzenklasse des Profiringkampfes zählte. In Paris wurde 1899 die 4. WM ausgetragen. Diesmal kam die Leichtgewichtsklasse zum Zuge. Im Finale der Schwergewichtsklasse standen sich Kara Ahmed und Constant le Boucher gegenüber. Letzteren nannte man nur "le roi de la lutte", den "König der Ringer". Es wurde ein Kampf rohe Körperkraft gegen Technik. Die Königskrone brachte dem Technikwunder le Boucher aber an diesem Tage nicht viel. Im Endkampf, am 30. November 1899, bezwang ihn Kara Ahmed vor einer großen Zahl erstaunter Zuschauer. Maurice Gambier siegte in der Leichtgewichtsklasse. Begonnen hatte das vierte WM-Turnier am 03. November 1899 im „Casino de Paris“. Veranstalter war die Pariser Sportzeitung „Journal des Sports“. Während dieser WM kam es zu einem weiteren Kampf, der Geschichte schrieb. In den USA hatten schon William Muldoon und Clarence Whistler bewiesen, dass Matches über Stunden gehen können. Jetzt aber wurde ein Rekord gebrochen. Maurice Gambier und der Münchner Michael Hitzler kämpften ganze 10 Stunden und 44 Minuten. Man musste ihre Fehde auf mehrere Abende verteilen.

Gambier und Hitzler kämpften bis zum Umfallen. Am 13. November 1899 endete ihr erstes Aufeinandertreffen nach 75 erfolglosen Minuten. Das Publikum war alles andere als begeistert von dieser Begegnung. Bei der Fortsetzung, am 11. Tag des Turniers, brach man nach 60 Minuten ab. Dieses komplizierte Verwirrspiel ging bis zum 21. November 1899. Bis dahin wurde der Kampf acht Mal verschoben. Es ging um 14.15 Uhr los und endete um 17.30 Uhr wieder ohne Ergebnis. Um 22 Uhr nahm man den Kampf wieder auf. Am Ende siegte offiziell Gambier nach einer Gesamtzeit von 10 Stunden und 44 Minuten. Solange hatte ein Profiringkampf in Europa noch nie gedauert. „Offiziell“ hieß es jedoch nur von französischer Seite, da andere Quellen von einem Unentschieden sprachen. Weil in Paris jedoch fast nur Franzosen in der Loge des Komitees saßen, blieb man bei der kontroversen Entscheidung, Gambier habe gewonnen. Zwei Wochen nachdem das vierte WM-Turnier beendet war, startete im Dezember 1899 die 5. WM im „Casino de Paris“. Am 29. Dezember 1899 besiegte Paul Pons erneut seinen alten Rivalen Ladislaus Pytlasinski, um zum zweiten Mal Weltmeister zu werden. Gerhard Schäfer betitelte sie in seinen Chroniken als „sogenannte WM“. Die „Illustrirte Deutsche Athleten-Zeitung“ (illustriert noch ohne ie) von Josef Haupt kritisierte die Vielzahl von, wie sie es ausdrückte, sog. „Weltmeisterschaften“. Zu diesem Zeitpunkt bezeichneten sich vier Ringer als Weltmeister: Ernst Roeber, Paul Pons, Magnus Bech-Olsen und Tom Cannon.

Nach 1900 erreichten diese Turniere immer mehr Städte, was den Charakter einer „europäischen“ Weltmeisterschaft deutlich steigern konnte. Doch nach wie vor wurde im franz. Stil (gr.-röm.) gekämpft, der in Amerika längst an Boden verloren hatte. Die Franzosen haben viel für den Ringkampf getan. Sie stehen am Anfang einer Kette von Legenden. Ihre osteuropäischen Konkurrenten drängten aber mit der Jahrhundertwende immer weiter vor. Davon erzählt der nächste Teil.



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