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Der Standringkampf in Deutschland - Die deutsche Turnerbewegung

Mit dem Niedergang des Deutschen Ritterordens und dem Ende des Mittelalters, verschwand im großen die Tradition von sportlichen Wettkämpfen in Deutschland. Aber auch in anderen Teilen Europas war bis ins 18.Jh. nicht viel geschehen, was den Ringkampf hätte weiterentwickeln können. Die jahrhundertelange Tradition war zuvor der Turnierkampf der Ritter. "Waffenspiele zu Pferd und zu Fuß" lieferten dem Menschen Unterhaltung, Sport und Tod. Das Turnier begann oft mit dem Schaukampf zweier Reitergruppen (Buchurt); anschließend folgten Zweikämpfe der Reiter zu Pferd (Tjoste), wo der Gegner mit der Lanze aus dem Sattel gehoben oder an einer Körperstelle getroffen wurde. Das lief solange bis der berittende Gegner vom Pferd stürzte. Höhepunkte der Ritterturniere waren dann die Zweikämpfe mit Schwertern. Um die Verletzungsgefahr zu minimieren, werden die Schwerter im 13.Jh. abgerundet und die Lanzen bekamen Dreikanteisen. Was zur Sicherheit der Ritter bestimmt war, erwies sich als Irrtum. Turnierkämpfe endeten trotz dieser Maßnahmen oft mit dem Tod der Beteiligten. Der Kirche schienen solche Spiele suspekt zu sein, so dass sie im 12.Jh. ein vollkommenes Verbot forderte. Ritterspiele haben ihren Ursprung in Frankreich. An den Burgen des Adels, zunächst in Nordfrankreich, etablierten sich neue Erziehungsmethoden - zum größten Teil prägend für die jungen Männer. Diese ritterlichen Erziehungsmaßnahmen breiteten sich anschließend in ganz Europa aus, und wurden zum festen Bestandteil des höfischen Lebens. Die ritterlichen Wettkämpfe erschienen in Deutschland erstmals im Jahre 1127.

Das Vorbild, die Kinder nach der neuen Ritterkultur zu erziehen, setzte im 12. und 13.Jh. ein. Bereits mit 7 Jahren müssen die Jungen als Pagen schuften. Sie werden dann einer jahrelangen Ausbildung unterworfen. In harten Unterrichtseinheiten lehrt man den Nachwuchs, sich den adeligen Lebensformen am Hofe anzupassen und in verschiedenen Sportdisziplinen zu bestehen, darunter: Fechten, Reiten und Schwimmen. Bis zum 21. Lebensjahr erfolgt die Ausbildung in Waffenkunde und Jagd. Künstlerische und musikalische Begabungen werden gefördert und gefordert. Die Ausbildung endet mit dem Ritterschlag. Die Ritterturniere dienten auch anderen Zwecken, als der Unterhaltung der Bevölkerung. Neben der Demonstration von Pferden und Waffen, wurden sie zur Wahrheitsfindung herangezogen. Der Ketzer konnte so der Lüge überführt werden. Etliche Menschen fallen diesem Wahn zum Opfer. Die erbitterten Schlachten zwischen den Rittern fanden im 16.Jh. ihren tragischen Höhepunkt. Im Jahr 1559 stirbt der französische König Heinrich II. bei einem Turnier. Die Lanze seines Gegners durchstach das Auge des Monarchen. Er musste sich noch Tage herumquälen bevor er starb. Der Tod von Heinrich II. löst das endgültige Verbot dieser Ritterspiele aus. Inoffiziell bestanden sie jedoch weiter.

Die Ritter machten schon damals das Ringen zu ihrer Perfektion. Es gehörte in Europa zu den sogenannten "sieben Behendigkeiten" des Rittertums. Das volkstümliche Ringen, vor allem in den unteren Schichten der Bevölkerung, wie den Bauern und Handwerkern, fand seine Blütezeit im 16.Jh.. Doch auch der Adel blieb nicht untätig: So waren schon um Mitte des 16.Jh. einige "Ringermeister" an den königlichen Residenzen unterwegs. Das lange Vergessen der Ringkampfkultur nach Ende des Rittertums schien überwunden zu sein, da kam der 30-jährige Krieg. Wieder verschwand der Ringkampf für über 100 Jahre in der Versenkung. Erst mit dem Zeitalter der Aufklärung und des Humanismus fanden wieder einige Menschen Interesse am Ringen. Inspiriert wurde die Bevölkerung durch eine neue Bewegung der geistigen und körperlichen Erziehung.

Unter den Rittern und freien Bürgern jener Zeit, setzte sich zusehens der sogenannte "Gerichtskampf" durch. Bei komplizierten Streitigkeiten kam es dann zu regelrechten Kraftduellen zwischen den Parteien. Hierbei wurde auch vor dem Einsatz von Waffen nicht zurückgeschreckt. Oft brutal und sinnlos, gab es bei diesen Kämpfen viele Tote. Die Streithähne vertrauten auf das Gottesurteil, wonach Gott demjenigen beistünde, auf dessen Seite das Recht wirklich ist. Die Kirche verstand sehr schnell, dass solche "Gerichtskämpfe" in der Wirklichkeit nichts zu suchen hatten und verbot sie schließlich im 13.Jh. Doch das hielt die Menschen nicht davon ab, sie trotzdem auszuführen. Kinder, Frauen und Alte konnten aber Gnade erhalten, indem sie einen Ritter gegen Entlohnung in den Kampf schickten.

Die Entwicklung des Ringkampfes war stark an die gesellschaftliche und politische Situation der Menschen geknüpft. Gab es Spannungen und Kriege, hatte das unmittelbare Auswirkungen auf Turniere und Wettkämpfe. Ritterspiele und sonstige sportliche Aktivitäten, besonders den Ringkampf, fand man nur noch vereinzelt an Akademien des Adels oder in Schulen des Jesuitenordens. Mit dem Erblühen der Städte zog die geistige Aktivität in die Stuben der Leute ein. Bücher über Bücher wurden geschrieben und es sollte aus dem Stadt- und Landmenschen gebildete Persönlichkeiten erschaffen werden. Ringkämpfe traten in Deutschland in den Hintergrund. Sie verschwanden allerdings nicht ganz und erschienen hier und da inoffiziell. Es gibt darüber aber kaum Aufzeichnungen, obwohl bereits im 15.Jh. erste Schriften über das Ringen entstanden sind, die sich von der Fechtkunst loslösten. Sehr frühe Schriften aus der Zeit kommen aus England und einige basierten noch auf den alten Grundlagen der Griechen. Diese Grundlagen spiegelten den "Standringkampf" wieder. Den professionellen Bodenringkampf kannte man bis ins 19.Jh. nicht. Die damaligen Regeln besagten, dass der Kampf gewonnen ist, sobald der Gegner dreimal in den Sand der Arena geworfen wurde. Griechische Athleten traten zu Beginn der "Olympischen Spiele" nackt an, daher auch die Bezeichnung "gymnos" (nackt). Als Bezeichnung für die Ausbildung in den Sportstätten der Griechen (Palästra) und dessen Trainingsmethoden etablierte sich der Begriff "Gymnastik".

Der Standringkampf schwappte auch nach Deutschland über, als Folge der enormen griechischen Wanderungen unter Alexander dem Großen und den Spuren des Römischen Imperiums. In den Geist des Humanismus und der Aufklärung passte dieser Sport augenscheinlich nicht. Hierzulande bedeckte ein schwarzer Schleier die Zukunft des Ringens. Es existierte keine Plattform, wo man den Menschen hätte mehr präsentieren können. Sportliches Denken interessierte in der breiten Masse fast niemanden. Erste Versuche unternahmen zwar schon früh einige Schriftsteller im 15.Jh., aber den großen Durchbruch brachte das nicht. So genau lässt sich dies nicht zurückdatieren, da die Schriften die lange Zeit bis heute nicht mehr überstanden haben und verschollen sind. Noch frühere Schriften erschienen oft als Holzschnitte, auf denen die Kampfhandlungen der Athleten abgebildet waren. Noch bis heute erhaltene Zeugnisse spätmittelalterlicher Kampfkultur sind die Schriften des deutschen Fechtmeisters Hans Thalhofer. Bereits im Jahre 1443 erschienen erste Darstellungen auf denen Thalhofer mehr oder weniger die Fechtkunst erklärte. 1443 veröffentlichte er die erste Ausgabe seines Buches "Thalhofers Fechtbuch". 1467 folgte eine weitere Ausgabe, diesmal als Bildhandschrift. Es handelt sich bei dieser Schrift wohl überhaupt um die erste ausführlich angelegte Ausarbeitung der europäischen Kampfkunst.

Dieses Buch ist bis heute eines der bekanntesten Werke aus dem Mittelalter. Thalhofer selbst war ein Meister seines Fachs, der die Ritter und Adeligen Landsleute mit dem Geist des Fechtens ansteckte. In dem Fechtbuch sind deutliche Kampfpositionen zu erkennen. Jedoch setzte Thalhofer schon gewisse Kenntnisse voraus, so dass es dem jeweiligen Betrachter schwer fällt, genaue Bewegungsabläufe zu interpretieren. Nicht zuletzt verfolgte er mit den Schriften auch das Ziel, gerade für seine Kampfesweise und Ausbildung Werbung zu betreiben. Das schaffte er im großen Rahmen mit den Lehrbüchern. Thalhofer wurde zum größten Fechtmeister der damaligen Zeit, und war an der Weiterentwicklung des Schwertkampfes entscheidend mitbeteiligt. Der Schwertkunst kam ein besonderes Interesse im mittelalterlichen Deutschland zu. Zusammen mit dem Fechten und Ringen kristallisierten sich neue Kampfstile heraus. Mehr oder weniger vermischten sie sich, blieben jedoch auch alleine existent.


Kampfszene aus Thalhofers Fechtbuch

Auch wenn diese Zeichnungen nicht mehr dem Geist der Zeit entsprechen, und darüber hinaus noch primitiv und witzig aussehen, sind sie kulturhistorisch umso bedeutender. Den Kontrahenten erging es freilich nicht gut, wenn der Stoß mit dem Schwert das Ziel wirklich erreichte. Für den nun sehr lange zurückliegenden Zeitraum wussten die Kämpfer schon ziemlich viel über ihre Kunst. Nicht wenige entwickelten sie auch tatsächlich zur Perfektion. Thalhofers Zeichnungen zeigen eindeutige Griff-und Kampfpositionen. 268 Tafeln zeigen dem Interessenten, mit welchen Waffen die Kämpfer bestückt waren. Zum häufigen Einsatz kamen Keulen, Schilder, Schwerter, Dolche, Äxte. Gleichfalls kämpfte man auf dem Pferd oder zu Fuss.

Bis ins 15.Jh. hinein betrachtete man die Ring- und Fechtkunst als einheitlich. Und so erschienen eine ganze Reihe von Werken über Ringen und Fechten. Selbst Künstler und Wissenschaftler entdeckten den Ringkampf. Sie machten sich so ihre eigenen Gedanken. Einen weiteren nennenswerten Versuch, den Ringkampf bekannter und interessanter zu gestalten, versuchte 1512 Albrecht Dürer mit der "Fechthandschrift". Dürer zeichnete die Darstellungen so detailreich, dass er offenbar selbst den Ringkampf ausübte. In Albrecht Dürers Zeiten koppelten manche Schriftsteller die Ringkunst ab und verfassten eigene Lehrbücher zum Thema Ringen. Auch am Hofe des sächsischen Kurfürsten Ernst lebte ein Mann, der sich so seine Gedanken um die Ring- und Fechtkunst machte, Fabian von Auerswald (1462-1541). Er verfasste 1537 in Wittenberg ein Ringbuch mit dem Titel "Ringerkunst". Die erste Auflage erschien als Holzschnittwerk und wurde 1539 beim Wittenberger Buchdrucker Hans Lufft veröffentlicht. Das Buch zeigt 85 Darstellungen über Griffe und Würfe. Die nachfolgenden Auflagen bearbeiteten die Buchdrucker G.A. Schmidt und K. Waffmansdorff. Vermutlich zeichnete Lucas Cranach einige dieser Bilder selbst nach. Auerswald orientierte sich an den Lehren des Adels und an den Ringermeistern, die schon am Hofe des Kurfürsten kämpften. Es waren oft junge Fürsten, die sich im Ringen und Fechten ausbilden liesen. In wenigen Worten, dafür aber mit vielen bildhaften Darstellungen, schilderte er das Wesen des Zweikampfes - und hier speziell des Ringens. Auerswald studierte urzeitlich erhaltene Schriften der Griechen. Er sammelte auf seinen Reisen durchs Land mehr Erfahrungen, vor allem als er in Kontakt mit frühzeitlichen Kraftathleten kam. Dürer und Auerswald konnten allerdings nicht wesentlich viel erreichen, um das Ringen besser in die Gesellschaft zu integrieren. Hierzulande fand es bis ins 19.Jh. hinein nicht den Zuspruch, wie in England oder Frankreich. Aber sie unternahmen den Versuch die ersten Lehrbücher zu verfassen. Auf diese Schriften kann bis heute zurückgegriffen werden. Und bereits damals waren die Verfasser mit außerordentlichen Kenntnissen vertraut. Diese Schriften mögen nicht mehr das verkörpern, was wir uns heute vorstellen. Es war ja damals nicht soviel bekannt gewesen. Von daher wirken manche dieser Zeichungen etwas suspekt und komisch.


Johann Bernhard Basedow


Christian Gotthilf Salzmann

Was Auerswald nicht schaffte, konnten dann 200 Jahre später die Philanthropen (Menschenfreunde) erreichen. Sie hielten nicht mehr an den Grundsätzen fest, den Körper vom Geist zu trennen. Ihre Basis lag ebenfalls im Humanismus und in der Aufklärung begründet. Philanthropen suchten stets das Gute im Menschen. Sie hatten den Gedanken nach einer Reformbewegung in Deutschland, was den Geist der Erziehung und den Umgang miteinander betraf. Im Angesicht des Philanthrophismus sollte aus dem Kind ein Menschenfreund erschaffen werden. Gerade die Vernunft stand dabei an oberster Stelle. Sie verhalf zu einer anständigen Erziehung, so die Meinung der Philanthropen. In diesem Erziehungskonzept spiegelt sich das wieder, was der Mensch als Notwendigkeit erachtet. Nur durch gezielte und direkte Unterweisung der Kinder können dessen Begabungen gefördert werden. Dabei ist es wichtig liebe-und verständnisvoll auf das Kind einzuwirken. Im Bereich der Philanthropen existierten mehrere Modelle solcher Erziehungsmethoden. Der Großteil dieser Reformer, auf dem Gebiet der Pädagogik, erkannte die wichtige Rolle des Sports in der Gesellschaft. Sie waren es, die den Geist zur sportlichen Erziehung eröffneten. Doch nicht nur die geistige Lehre um mehr Wissen und Bildung stand in ihrem Mittelpunkt. Den Fortschritt sahen sie nur dann vollkommen ausgereift, wenn der Mensch geistig, körperlich, selbstbewußt und tatkräftig erzogen würde. Der eigentliche Schlüssel zur Erziehung ist der Leib des Menschen selbst. Gut 200 Jahre währte der Dornröschenschlaf des Ringkampfes in weiten Teilen Deutschlands. Woran lag das? Anders als in England gab es in Deutschland große Gegensätze zwischen Stadt und Land. Der Stadtmensch hierzulande war ein vollkommen anderer geistiger und soziologischer Typus, als der Landmensch. Eine Art neuer Bildungsidealismus kam in den Städten auf und erfasste auch die unteren Schichten der Bevölkerung. Den Städten interessierte jedoch mehr das Lokalpolitische als das Staatspolitische. In England hatte nahezu jede soziale Schicht ihren nationalen Sport. Dieser hatte meist eine jahrhundertelange Tradition und war tief verwurzelt. In den deutschen Städten setzte sich ein Übermaß an Klugheit und Bildung durch. Noch gab es keinen, der den Versuch unternahm, den Sport aufblühen zu lassen.

In der zweiten Hälfte des 18.Jh. tauchten Persönlichkeiten auf, die dem sportlichen Teil mehr Interesse zu kommen ließen: allem voran die Philanthropen Johann Bernhard Basedow und Christian Gotthilf Salzmann. Den pädagogischen Geist eröffneten Ende des 18.Jh. Johann Heinrich Pestalozzi und Johann Gottlieb Fichte. Die großen Denker, die den Sport in dieser Zeit veränderten, waren Johann Christoph Friedrich GutsMuths, Gerhard Vieth und der streitbare und widersprüchliche Friedrich Ludwig Jahn. Das Vorbild für ihre Denkweise lieferten die Philanthropen. Neue Begriffe etablierten sich im Sprachgebrauch, darunter "Leibesübungen" und "Körperertüchtigungen". Es fehlte aber noch an Unterrichtsmöglichkeiten, da bisher niemand groß auf die sportliche Erziehung setzte. Den ersten Schritt lieferte Johann Bernhard Basedow, der in Dessau das "Philanthropin" gründete. Das war die erste öffentliche Schule in Deutschland, wo man den Sinn und Zweck der Körperübungen erkannte. Hier gab es für die Schüler erstmals sportliche Elemente, die in den Unterricht einbezogen wurden. Basedow orientierte sich an der Philosophie von Jean-Jacques Rousseau. Er erkannte rechtzeitig, das der Sport ein wesentlicher Bestandteil der Erziehung ist. In seiner Schrift "Elementarwerk" zeichnete er eine Vielzahl von Körperübungen auf.

Große Bekanntheit erzielte der "Dessauer Fünfkampf". In ihm verband man Laufen, Springen, Klettern, Tragen und Balancieren zu einem einheitlichen System. Basedow kam 1771 nach Dessau und begann mit dem Aufbau des Philanthropins. 1774 wurde es eröffnet, doch bereits 1793 musste man die Einrichtung wieder schließen. Hauptsächlich wegen finanzieller Probleme, Mißverständnissen unter den Lehrern sowie einer undurchsichtigen Organisationsstruktur. Basedows Ziele standen im gleichen Sinne, wie die des Philanthropismus. In der Zeitspanne der Aufklärung setzte eine neue Erziehung ein, die den Charakter einer Volksbewegung annahm. Mit dem Menschen als Mittelpunkt sollten Veränderungen in der Gesellschaft eintreten. In Basedows Schule sollten die Menschen nun nach dem Bild der Aufklärung erzogen werden, egal welcher Herkunft sie waren. Die Vermittlung von speziellen Kenntnissen hatte mehr Priorität als nur die Lehre vom Allgemeinwissen. In der Praxis sah das allerdings anders aus. Nur zwei Jahre nach Eröffnung trat Basedow 1776 als Leiter zurück. An der Durchsetzung seiner Ziele ist er gescheitert, wohl auch, weil er als Choleriker galt und alles genau nahm. Doch schaffte Basedow es wenigstens den Gedanken nach derartigen Erziehungsmethoden aufleben zu lassen. Basedows Vorgehensweise beeinflußte ebenfalls den Philanthropen Christian Gotthilf Salzmann. Als Mitarbeiter an der Schule in Dessau wirkte Salzmann mit am Aufbau einer neuen Reformbewegung. Hier sammelte er Erfahrungen, die ihm später den Erfolg als Pädagoge eröffneten. In Schnepfenthal bei Gotha gründete er 1784 die "Schnepfenthaler Erziehungsanstalt" nach dem Vorbild aus Dessau.

Die Zielsetzungen der Philanthropen bestanden auch darin, das Schulsystem zu reformieren. Die nach ihrer Philosophie gestützte "naturgemäße Erziehung" des Kindes, geht vielfach auf Grundlagen des französischen Philosophen Rousseau zurück. Basedow erreichte gerade im Philanthropin, dass die pädagogischen Vorstellungen an die Schüler vermittelt werden konnten. Die Musterschule in Dessau war das spätere Vorbild vieler Schulen in Deutschland. Nach Basedow sei allerdings eine vernünftige Erziehung des Kindes nur zu erreichen, in dem diesem Weltoffenheit, Erwerbssinn und Tüchtigkeit im Beruf vermittelt werden würde. Die geistige und körperliche Erziehung muss zusammenlaufen und darf sich nicht auseinanderbewegen. Was Basedow da in Dessau wirklich leistete, bemerkten viele Leute erst Jahre später, als sich diese Erziehungsmethoden in anderen Schulen verbreiteten. Zusammen mit Salzmann hatte Basedow großen Anteil daran gehabt, dass sich letztendlich auch mehr Menschen mit dem Sport beschäftigten. Der Initiator einer ganzen Bewegung starb 1790 in Magdeburg. Sein Erbe führte Salzmann weiter, der lange in der Schule in Dessau arbeitete. Er wurde zu einem weiteren Vordenker der Zeit.

Die Schriften der Philanthrophen des 18. und 19.Jh., zogen einen Kreis von sportlich interessierten Menschen an. In den Köpfen entstand sozusagen ein Bewußtsein für den Sport. Die Menschen erkannten, dass körperliche Ertüchtigung das Wohlbefinden steigert und nicht, wie von manchen angenommen, nur schwächt. In diesem Zusammenhang spielten die Philanthropen zwar eine große Rolle, das Einsetzen der "Ringerbewegung" im 19.Jh. ist allerdings mehr den Turnvätern GutsMuths und Jahn zu verdanken.

In der Bevölkerung konstituierte sich Anfang des 19.Jh. eine Widerstandsbewegung, die für den Freiheitskampf gegen Napoleon aufrief. Erst allmählich kam dieser Widerstand in Bewegung. Die stärksten Auswüchse fanden sich bei den Turnern, Burschen und Studenten. Wenig von diesem Widerstand überzeugt war ein Mann, der bei Salzmann in der Erziehungsanstalt arbeitete, der Turnpädagoge Johann Christoph Friedrich GutsMuths.

Auf seinen Lehren basiert das Zeitalter der Turnerei. Das Wort "Turnen" existierte vorher gar nicht und wurde erst durch Friedrich Ludwig Jahn eingeführt. Turnen bezog sich auf den Begriff "Turnier-Turnei" und sollte an die Ritterturniere aus dem Mittelalter erinnern. Unter dem Grundsatz der vier "F"-frisch,fromm,fröhlich,frei- entstand aus der Turnerei eine Volksbewegung, die fast jedem Widerstand trotzte, die Turnerbewegung. Zu ihren Pionieren wurden Salzmann und der 1759 in Quedlinburg geborene GutsMuths. GutsMuths wirkte über 40 Jahre lang an der Erziehungsanstalt Schnepfenthal und er war ein bedeutender Pädagoge. Er befasste sich schon früh mit dem Sport und dessen Philosophie. Seine Schriften wurden zu Standardwerken der Sportliteratur. 1786 führte ihn Salzmann in den Gymnastikunterricht ein. Für GutsMuths war das eine lehrhafte Erfahrung, die er der Nachwelt in Wort und Schrift festhielt. Er sah in dem Begriff Gymnastik die Gesamtheit der Leibesübungen, die einen pädagogischen Nutzen hatten und zur Erziehung beitragen konnten. Mit einbezogen wurde darin auch das Diskuswerfen und die Geräteübungen aus früher Zeit. Die vollkommene Beherrschung der Körpererziehung sei nur möglich, durch die Forderung nach mehr Leistung sowie dem Ausbau des Wettkampfes. Im Mittelpunkt der Gymnastik stehen Kraft, Ausdauer und Gewandheit. Durch die erzieherische Einwirkung auf die Schüler mit dem Ziel nach mehr Selbsttätigkeit, schafft man günstige Voraussetzungen für den Eintritt und dem Erfolg im Sport. Die geistige Entwicklung der Menschen sei abhängig von der körperlichen. GutsMuths, ein energischer und zielstrebiger Geselle, studierte unermüdlich die Sportarten. Er war sich bewußt, dass die Körpererziehung die Eigenschaften des Menschen schon früh beeinflußen kann. Wer in der Kindheit Kraft, Ausdauer und Gewandheit fördert, der zieht im Alter einen großen Nutzen daraus. Sein Grundsatz lautete: "Die Erziehung gedeihet am besten im Schoße der Natur." Den Gedanken der Leibesübungen verfolgte er weiter und veröffentlichte 1793 das erste deutsche Lehrbuch der Turnkunst "Gymnastik für die Jugend". Hier erarbeitete er Trainingsvorlagen aus und gab erste Anregungen für den Ringkampf.

Seine Schüler unterwies er in zahlreichen Unterrichtseinheiten mit dem Wesen des Ringkampfes. Dabei kamen natürlich auch die anderen Sportdisziplinen nicht zu kurz. Angeregt durch französische Kraftathleten, begann sich GutsMuths mit dem Bodenringkampf auseinanderzusetzen. Und genau in dieser Schrift "Gymnastik für die Jugend", gab er erste Anregungen in Papierform weiter. Ein Eintrag in diesem Buch vermittelte bereits den Hinweis, dass GutsMuths' Schüler schon im Bodenringkampf ausgebildet wurden.
Er schrieb:

"Beide Ringenden legen es unaufhörlich darauf an, sich fortzudrängen, vom Boden zu heben, niederzuwerfen, am Boden festzuhalten, ohne das der Gegner es weiß, was der andere in diesem Augenblicke vorzunehmen willens ist. Er muß folglich seine Achtsamkeit und Geistesgegenwart, sein Geschick, seine Kraft verdoppeln, um ihm die gehörigen Paraden augenblicklich entgegenzusetzen. Wer zuerst ermattet, ist des Sieges verlustig".

Wie in Deutschland, so etablierte sich auch in Frankreich zunächst der Standringkampf. Er beinhaltete zwar noch einige Variationen aus der Antike, mittlerweile hatte man ihn aber stark an die Begebenheiten der Zeit angepasst. Da die Franzosen schon von vornerein mehr Kraftathleten hatten als die Deutschen, machte der Bodenringkampf schnell Schule. Schon Mitte des 19.Jh. kristallisierten sich erste Wälztechniken heraus. Obwohl es noch eine ganze Weile dauerte, bis die Wälzform endgültig in den Standringkampf integriert wurde, hatten die Franzosen schon längst in ihren Ringerschulen Pionierarbeit geleistet. Das Buch Gymnastik für die Jugend erreichte schnell eine große Anzahl von Schülern, auch im Ausland. Selbst viele Lehrer, Sportler und sonstige Leute warfen ein scharfes Auge darauf, was da in Schnepfenthal passierte. Dem Turnvater GutsMuths hat die Nachwelt aber noch etwas anderes zu verdanken, den Geist der Olympischen Spiele der Neuzeit. Er war der Erste, der 1793 in der Gymnastik für die Jugend die Erneuerung dieser Spiele anregte. Auf seinen Spuren begab sich um 1889 der französische Baron Pierre de Coubertin. Coubertin war es schließlich, der 1896 in Athen die Olympischen Spiele der Neuzeit seit dem antiken Ende zurückholte.

GutsMuths, der eigentliche Vorreiter des Turnens, wurde schon zu Lebzeiten von den Schriften älterer Ringer beeinflusst. Eine von diesen Schriften war das Buch des namhaften Ringers Nicolaus Petter, das 1674 in Amsterdam erschien. Inspiriert von den Beschreibungen Petters, versuchte GutsMuths die alten Traditionen des Ringens in sein Trainingskonzept einzubeziehen. Wie sich dann herausstellte, gelang es ihm sogar sehr gut. In Salzmanns Erziehungsanstalt in Schnepfenthal blühte das Ringen auf. Petters Buch "Verständlicher Unterricht in der vortrefflichen Ringerkunst" beschrieb das Ringen aber mehr als Raufkunst. Hier in Schnepfenthal beginnt die Geschichte vieler Athleten. Denn niemand geringeres als der Turnvater GutsMuths versammelte viele Schüler um sich, um sie die Kunst des Ringens zu lehren. Dabei hat GutsMuths damals selbst unter einfachsten Bedingungen angefangen. Er musste sich erst alles anlesen und Nachforschungen betreiben, um überhaupt in das Ringen einzusteigen.

1796 folgte das Buch "Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes". In diesen Schriften verband GutsMuths die von Basedow und Salzmann eröffneten Bestrebungen, den Menschen mit Hilfe verschiedener Erziehungsmethoden zu bilden. Sein Ziel bestand darin, den jungen Teil der Bevölkerung für die Turnkunst zu begeistern und ihnen das zu geben was sie brauchten, Theorie und Praxis. Für GutsMuths war es wichtig, dass der Mensch sich einer regelmäßigen Sportbetätigung unterziehen konnte und es sollte vor allem viel Raum dafür geschaffen werden. Durch die Bücher/Schriften zur Turnkunst eröffneten sich nun mehr Möglichkeiten, das Turnen interessanter zu gestalten. Mit der Schrift "Mechanische Nebenbetätigungen für Jünglinge und Männer" 1801, vervollständigte GutsMuths den Gedanken zur Einführung einer übergreifenden Gymnastik auf alle Bevölkerungsschichten. GutsMuths' Leben bestimmte die Erziehung, der Sport und die Wissenschaften in starker Anbindung an pädagogische Zielsetzungen. Er erlitt einen schweren Schicksalsschlag, als sein Freund Salzmann 1811 verstarb. Salzmann war einer der Philantropen des 18.Jh., die die Bewegung der geistigen und körperlichen Betätigung erst ins Leben gerufen haben. Seine Anregungen erhielt er größtenteils von Basedow selbst.

Eine politische Angriffsfläche sah GutsMuths im Turnen nie. Das war auch der große Unterschied zum späteren Turnvater Jahn. Für GutsMuths war die körperliche Erziehung des Menschen wichtiger, als das Streben nach einer Widerstandsbewegung. Bis 1837 lehrte er in Schnepfenthal das Turnen und entwickelte die ersten Geräteübungen. GutsMuths hinterließ nach gut 40 Jahren Lehrertätigkeit in Schnepfenthal unauslöschliche Spuren. Ein halbes Jahrhundert lang brachte er seine Vorstellungen unter die Menschen. Auf vielen Anregungen und Schriften des Turnvater GutsMuths basierte das damalige Ringen. Er schrieb in 20 Jahren eine Bibliothek für die Pädagogik, gilt als Vordenker der Geographie sowie als Mitbegründer des Turnens. Einen unheimlichen Nutzen hatten seine Schriften für den Sport und die Pädagogik bewirkt. Hätte es Turnvater GutsMuths nicht gegeben, dann wäre die Geschichte des Ringkampfes anders verlaufen. Er hinterließ ein Erbe, das noch Jahrzehnte nach seinem Tode nachwirkte. Fast 80jährig stirbt GutsMuths 1839 in Ibenhain.

Was Salzmann und GutsMuths aber nicht schafften, war das Turnen zu einer Volksbewegung zu führen. Das schaffte erst Friedrich Ludwig Jahn, der Turnvater. 1778 wird er in Lanz bei Ludwigslust geboren und setzte den Gedanken von GutsMuths fort. Jedoch machte er es anders und nutzte die politische und gesellschaftliche Situation aus. Jahn ist der eigentliche Begründer des Turnens sowie der Leibesübungen. Er wurde jedoch zeitweise von GutsMuths beeinflusst. Der streitbare Prignitzer machte sich so manche Feinde in Politik und Gesellschaft. Doch vermochte er es besonders die jungen Burschen in seinen Bann zu ziehen. Die Turnerei gestaltete sich am Anfang schwierig, fand sie doch nur bei einer Minderheit der Bevölkerung Interesse. Brennpunkt jener Zeit war der Freiheitskampf gegen Napoleon. Aus der politischen Situation heraus entwickelte sich erst langsam eine deutsche Bewegung, der vor allem junge Bevölkerungsschichten angehörten. Jahn bekam den Anreiz zum Turnen erst, als er GutsMuths 1807 in der Erziehungsanstalt Schnepfenthal besuchte. Während die Turnerei im ersten Jahrzehnt des 19.Jh. ihren Lauf nahm, entstanden die ersten Turnvereine. In der politisch angespannten Situation brauchte man Führer, die die Massen in Bewegung hielten. Zu den großen Anführern der Turner/Burschen wurden Jahn und der aus Rügen stammende Ernst Moritz Arndt. Besonders Arndt machte seinem Ärger Luft als er sagte:"Ich will den Haß gegen die Franzosen. Ich will ihn für immer." Arndt, ein starker Franzosenfeind, äußerte seinen Unmut vor allem in volkstümlichen Liedern und Streitschriften. Er wurde, wie Turnvater Jahn, im Zuge der Demagogenverfolgungen 1819 inhaftiert. Arndt gab noch besonders Anfeindungen in Richtung Paris preis mit dem Werk: "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze". Arndt verstarb im hohen Alter von 91 Jahren 1860 in Bonn. Johann Gottlieb Fichte publizierte seine Anfechtungen und Ziele, indem er einen neuen Bildungstyp "Universität" schaffte. Der Widerstand gegen Napoleon sei nur zu schaffen, durch eine geistige Mobilmachung. Eine Bildungsreform ist notwendig, an dessen oberster Stelle die Ziele nach freier Wissenschaft und Persönlichkeitsformung stehen müssen. Fichte war ein Befürworter der französischen Revolution und ein Gegner der Fremdherrschaft unter Napoleon. Er vertrat die Ansicht, dass eine staatliche Nationalerziehung nur unter dem Verzicht von Standesprivilegien zu erreichen sei. Er wollte, wie viele Philantropen, dass die Bildung und Erziehung alle Bevölkerungsschichten erreichte. Die Turner/Burschen entwickelten einen wahren Haß gegen die Franzosen. Der Widerstand wurde durch Jahn noch verstärkt.

Der Hilfslehrer Jahn galt unter den Turnern als imposante Erscheinung und Anführerfigur. Er war ein Franzosenfeind der alles, sogar die Sprache, ablehnte. Sein Einfluss lag darin begründet, als er Tausende von Menschen mit dem Turnen infizierte. Jahn war zielstrebig, ernergisch und duldete keinen Widerspruch. Diesen förderte er aber selbst durch verbale Entgleisungen. In der Schrift "Deutsches Volkstum" von 1810 greift er Bevölkerungsgruppen an und läuft Sturm gegen die französische Fremdherrschaft: "Polen, Franzosen,Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück." Die Turner hatten seit ihren Anfängen keine Plattform, um von der Öffentlichkeit besser wahrgenommen zu werden. Die Turnerbewegung wurde mehr und mehr zu einer antinapoleonischen Bewegung, zu dessen Anführern Jahn gehörte. Am Nachmittag des 19. Juni 1811 wird eine Grünanlage zwischen den Berliner Stadtteilen Tempelhof und Neucölln zum Ausgangspunkt der Turnerbewegung, die Hasenheide. Jahn versammelte sich mit ein paar Turnern und gründet den ersten deutschen Turnplatz. Er versuchte in Aufrufen an die Jugend für den Sport zu werben. Gleichzeitig stellte er auch seine eigene Meinung dar:

"Es kommt bei einer großen Zahl versteifter und verweichtlichter Knaben darauf an, den Leib an Anstrengung zu gewöhnen. Das Fußwerk baldmöglichst auszubilden, da die meisten kaum eine halbe Stunde ohne große Anstrengung gehen können."

Die Turner bauten auf dem Platz neue Gerätekonstruktionen auf, darunter Kletterstangen, Reck und den von Jahn entwickelten Barren. Jahn integrierte die von GutsMuths herausgebrachten Geräteübungen auf den Turnplätzen und führte sie weiter. Die verweichtlichten Berliner Stadtsöhnchen, wie er die jungen Burschen nannte, sollten zu richtigen Kerlen, zu richtigen deutschen Jungs umerzogen werden. Jahn entwickelte die meisten Turngeräte selbst und gab ihnen auch die Namen. Eifrig erarbeitete er ein Trainingskonzept aus, in dessen Mittelpunkt der Ringkampf stand. Er führte den "Standringkampf" ein, fast nach dem Vorbild der alten Griechen. Das Standringen etablierte sich lange Zeit in Deutschland und wurde erst verändert, als französische Kraftathleten den Bodenringkampf entwickelten. Einer dieser Turner, die unter Jahn den Ringkampf erlernten, war Eduard Dürre. Er und Jahn hielten ein Leben lang Freundschaft. Dürre beschrieb seine Erfahrungen mit eigenen Worten:

"Immer öfter fand ich mich jetzt draußen in der Hasenheide ein, wo der Herr Jahn mit einer Turngruppe übte. Wir rangerten, rauften, spielten Räuber und Bürger, bauten Schanzen. Es war Kriegsspiel, ja richtiges Kriegsspiel. Wir waren alle mit Eifer dabei. Der Lehrer Jahn hatte uns mit seinem Kampfgeist angesteckt. Tag für Tag übten wir vor allem Ringkämpfe. Und es waren inzwischen richtige Kämpfe, bei denen es auch schon mal Verletzungen gab."

Unter Jahns Führung bekamen die Turner mehr Kraft und eine bessere Kondition. Nun sah man sich den Zielsetzungen der Turner nähergekommen, die da lauteten: Im Kampf kann nur der bestehen, der einen kraftvollen, geschmeidigen und gesunden Körper hat. Wer sich dem Kampf stellt kann ihn gewinnen, wer davonläuft hat ihn schon verloren. Dürre berichtete in seinem Nachlaß über Konfrontationen mit anderen Burschen/Studenten, die den Turnvater Jahn zu Ringkämpfen herausforderten. Jahn schickte es an, erst dem Burschen den Vortritt zu lassen. Auf dem Turnplatz in der Hasenheide kam es zu einem Ringkampf zwischen einem Korpsburschen und einem Tilizianer. Der Bursche forderte Jahn zum Kampf heraus, der lehnte zunächst ab und wollte erst antreten, nachdem der Bursche zwei seiner Schützlinge umnietete. Das schaffte er nicht und verschwand verbittert. Jahns Burschen hatten gut lachen, haben sie doch erfolgreich die Herausforderung bestanden. Jahn war zufrieden mit dieser Leistung und meinte stets, dass seine Jungs einmal jeden "wurzeln" könnten, als umhauen. Die Turner zogen durch die Städte und Dörfer und sangen dabei plumpe Lieder. Sie traten kraftvoll und selbstbewußt auf. Hatten mitunter Sitten an den Tag gelegt, wie sie sich der Adel und die Kirche nicht zu träumen gewagt hätten. Gerade Jahn sah in diesem doch provozierenden Verhalten der Turner/Burschen, die Gelegenheit, seine Anfeindungen in Richtung Paris noch zu verstärken. Er war nicht mehr nur an der körperlichen Ertüchtigung interessiert. Gemeinsam mit den Schülern sang er auf Marktplätzen Lieder und brachte die feindlichen Äußerungen an den Mann. Die Turner griffen vor allem Ausländer an und verspotteten die Kultur oder Sonstiges was fremd erschien. Sie bauten Druck auf, wegen der angespannten Lage zwischen Preußen und Frankreich. Dass es Jahn auch um politische Ziele ging, bemerkten die Schüler anfangs nicht. Erst als es zu einer Konfrontation zwischen Jahn und Dürre kam, verstanden viele seiner Burschen, dass es ihm nicht nur ums Turnen ging:

"Woran denkst du wenn du das leere Brandenburger Tor siehst, auf dem nur noch eine nackte Eisenstange steht?"
Dürre merkte an das er keine Ahnung habe. Darauf setzte es eine schallende Ohrfeige von Jahn, der erbost meinte:
"Diese einsame Eisenstange, das leere Brandenburger Tor, ist die größte Schande die Napoleon über alle gebracht hat, die Deutsches Blut in den Adern haben. Die Quadriga mit der Freiheitsgöttin hat er uns genommen, mein lieber, merk dir das. Und solange der Platz dort oben leer ist, wird er uns daran erinnern."

Die Turner standen aber nicht alleine an der Spitze des Widerstandes. Mehr Einfluss bewirkten die Burschenschaften, welche sich ab 1815 gründeten. Die Burschenschaften, welche aus den Freikorps der Befreiungskriege entstanden sind, sahen ihre Hauptziele in antifranzösischen Bestrebungen, den Kampf für eine Republik und Grundlagen für die soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Turner und Burschen vertraten im groben die selben Ziele. Als Preußen im Zuge der sog. Demagogenverfolgungen nahezu alle Turnplätze schloß, verschwand offiziell die Turnerei. Inoffiziell existierte sie jedoch weiter und war schon längst von Deutschland aus zu einer weltweiten Bewegung herangewachsen. Für den französischen Kaiser waren diese Widerstandskämpfer nur lästige Zeitgenossen, die nicht mehr als störend wirkten. Durch seine Geheimpolizei war Napoleon stets informiert über die Geschehnisse in Preußen. Da es sich aber nur um kleine Gruppen handelte, schenkte er diesen keine Beachtung. Wichtiger war der Kampf gegen Russland, Östereich und Spanien.


Friedrich Ludwig Jahn

Die beginnende Politisierung der Burschenschaften zeigte sich 1817 auf dem "Wartburgfest" bei Eisenach. Rund 500 Studenten trafen sich hier, um an die Reformation und die Leipziger Völkerschlacht zu erinnern. Die offizielle Feier, an der zwölf Universitäten und viele Behörden teilnahmen, verlief zunächst ruhig. Als der Abend anbrach regte vermutlich Jahn den Widerstand gegen die Franzosen an. Er löste damit eine stürmende Bewegung der Burschen aus, die sich sämtliche Bücher von reaktionären Schrifstellern schnappten und auf einem großen Haufen verbrannten. Die Autoren beschwerten sich und die Heilige Allianz bestehend aus Russland, Preußen und Östereich sah das nun nicht mehr als harmlosen Studentenstreich an. Es mussten Sanktionen folgen. Politik und Kirche bekämpften die Auswüchse an den Universitäten mit allen Mitteln. Im Jahre 1819 werden die "Karlsbader Beschlüsse" vom Frankfurter Bundestag verabschiedet. Es folgen harte Sanktionen gegen sog. "revolutionäre Umtriebe". Turnvater Jahn wird festgenommen und für 5 Jahre inhaftiert. Es wurde eine Turnsperre für ganz Preußen erlassen, in der Turnübungen verboten und unter Strafe gestellt wurden. Jahn wird nach seiner Freilassung 1825 unter Polizeiaufsicht gestellt. Erst 1842 wird die Turnsperre von Preußen aufgehoben und Turnen als Schulfach eingeführt. Was vor gut 50 Jahren startete, entwickelte sich nun zu einer weltweiten Bewegung. Im Ausland fand die Turnerei viele Anhänger. Für Jahn blieb Napoleon nur eine Witzfigur, den er verächtlich als "dem Neppel" bezeichnete. Den Beginn des Profiringkampfes in der zweiten Hälfte des 19.Jh. erlebte Jahn nicht mehr. Er stirbt 1852 in Freyburg an der Unstrut. Begraben liegt er an der Stirnseite der ersten Deutschen Turnhalle.

Was Jahn mit dem Standringkampf in Deutschland startete, setzten ab 1850 die Engländer, Franzosen und Italiener fort. Es entstand ein großes Netz an Bewegungsabläufen und die Zahl der Kraftathleten stieg. 1886 revolutionierte der französische Profiathlet Jean Doublier den Ringkampf, als er die erste richtige Wälzform entwickelte. Jahns Schüler kämpften nur im Stand. Mit der Integration des Bodesringkampfes in den Standringkampf, erschufen die Franzosen eine neues Zeitalter des Ringens. Auerswald, GutsMuths und Jahn bemühten sich stets darum, dem Sport mehr Aufmerksamkeit zu kommen zu lassen. Wir haben ihnen viel zu verdanken, auch wenn heute davon nicht mehr viel übrig geblieben ist. Der Ringkampf startete erst jetzt zu seiner Erfolgsgeschichte in die Zukunft. Eine ehrenwerte Stellung unter allen hat besonders der Turnvater Jahn verdient. Er war derjenige, der unter Einsatz seines Lebens für den Sport kämpfte. Gegen alle Widersacher musste er sich durchsetzen. Ihm ist es zu verdanken, dass durch die Mobilmachung der Jugend und der Einführung des Standringkampfes, viele Zeitgenossen und spätere Generationen in den Ringkampf eingestiegen sind.

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