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Biographie: Gustl Kaiser

Er war ein Gigant unter Europas Veranstaltern und ist maßgeblich am Erfolg des deutschen Berufsringkampfes beteiligt gewesen - Gustl Kaiser. Am 02.05.2009 jährt sich sein Tod zum 20. Mal. Viele Berufsringer wie Otto Wanz, Georg Blemenschütz, Roland Bock, Hermann Iffland oder Horst Hoffmann sind durch Kaiser bis an die Spitze gelangt.

Gustav "Gustl" Kaiser wurde am 16.10.1907 im oberfränkischen Rehau geboren. Nach der Schulzeit absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung und qualifizierte sich gleichzeitig als Fachkraft für Lederherstellung im örtlichen Gerbereibetrieb von Adam Kunel. 1924 trat Kaiser dem Rehauer Ring- und Stemmclub bei. Der Allround-Sportler Georg Beck, damals bekannt als "Doppelbeck", trainierte ihn hier. Das Training zeigte Wirkung: Kaiser besiegte den wesentlich älteren Beck in einem Ringkampf und startete so seine Kraftsportler-Laufbahn. Wie der Zufall es will, kam Kaiser erst über das Boxen und dann durch Kirmes-Ringkämpfe ins Profigeschäft. Während einer Geschäftsreise in Berlin 1925 besuchte er die Boxschule von Ernst Koch im Sportpalast. Ein Jahr später reiste er zurück nach Berlin, um dort erste Trainingsstunden zu nehmen. Zum gleichen Zeitpunkt boxte hier der junge Max Schmeling, den Arthur Bülow betreute.

Mit dem Start der Goldenen 20er Jahre konzentrierte sich die weltweite Unterhaltungsszene auf Berlin. Auch war diese Stadt das Drehkreuz für alle europäischen Berufsringer, die zumeist für den 1911 gegründeten "Internationalen-Ringer-Verband (IRV)" kämpften. Kaiser verließ 1927 seine Heimat Rehau und versuchte sich als 20-jähriger in der Großstadt Berlin durch zu schlagen. Er hatte das Interesse am Kraftsport nie verloren und setzte sein Boxtraining im "Sportclub Ost" unter Trainingsleiter Hans Seyfried fort. Bis 1931 war Gustl hauptsächlich als Boxer unterwegs, betrieb nebenbei aber auch ein Training zum Ringer. 1929 gründete Kaiser eine Boxabteilung mit 60 Mitgliedern.

Im März 1931 kam der Oberfranke mit Berufsringern in Kontakt, so dass er das Boxen vollends aufgab und sich gänzlich dem Berufsringkampf zuwendete. Das deutsche Ringerlager bestand damals aus zwei Verbänden: IRV und DRV. Kaiser kämpfte zunächst in Turnieren des DRV, dem kleineren Verband. Er schrieb dazu später: "Der DRV begrenzte sich darauf, die in Berlin auf 8 bis 9 Rummelplätzen bestehenden Kampfstätten mit Ringern zu versorgen, oder im nahen Provinzbereich für kleine Turniere, oder Chapiteaus, die erforderlichen Ringkämpfer abzustellen. [...] Es blieb mir nichts von den Schmerzen und Mühen erspart, die junge Starter ohne Image oder alte Kämpfer mit verblaßtem Namen hinnehmen müssen, um zu einem einträglichen Verdienst zu kommen." Im Januar 1912 formierte sich in Berlin die "Vereinigung der Berufs-Athleten und Ringkämpfer Deutschlands", die nach dem Ersten Weltkrieg in "Deutscher-Ringer-Verband (DRV)" umbenannt wurde. Auf den Rummelplatz-Turnieren sammelte Kaiser erste Erfahrungen. Er startete als sog. "Stabuffringer" (Rummel-Kirmesringer), die ihr Metier ebenfalls als "Beruf" bezeichneten. Die Konkurrenz (IRV) sah das jedoch anders und forderte schon Anfang des 20.Jh. ein Verbot von Kirmes-Ringkämpfen. Trotz scharfer Kritiken blieb diese Szene ein ständiger Wegbegleiter.

1933 gab es in Kaisers Leben zwei bestimmende Ereignisse: Er wechselte zum IRV und erlebte die gesellschaftlichen Umbrüche durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Durch das "Gesetz zur Gleichschaltung" wurden bis 1934 fast alle Organisationen, Verbände und Gewerkschaften dem neuen Regime unterstellt. Auf sportlicher Ebene schuf man den "Reichssportbund für Leibesübungen", der alle Aktivitäten sanktionierte. Am 21.08.1933 fusionierten die drei deutschen Ringer-Verbände (IRV, DRV, Ringer-Union) zum "Verband-Deutscher-Berufsringer (VDB)". Dieser VDB hatte mit dem 1951 neugegründeten VDB in Berlin nichts zu tun. Den Sportbetrieb förderten die Machthaber unter Reichssportführer von Tschammer und Osten. Gustl Kaiser arrangierte sich damit. In Antwerpen kämpfte er am 29.02.1934 gegen Altmeister Constant le Marin. Zwar verlor Kaiser, aber le Marin war so beeindruckt von seinem Können, das er ihm eine glänzende Laufbahn prognostizierte.

Kaiser kämpfte ab 1934 für die großen Veranstalter in Mitteleuropa (Rudolf Zurth, Paul Westergaard-Schmidt). Anders als im amerik. Pro-Wrestling gab es eine feste Wettkampfordnung mit mehreren Kampfrichtern. Obwohl man schon einzelne Freistilkämpfe in laufende Turniere einschob, bestimmte der gr.-röm. Stil den Großteil des Geschäfts bis 1950. Ende 1934 holte ihn Paul Westergaard-Schmidt erstmals nach Hamburg. Kaiser platzierte sich als Dritter beim "Paul Westergaard-Schmidt-Wanderpokal", einem der bedeutendsten Ringerturniere auf Reichsebene. 1935 stand er Wladek Zbyszko gegenüber und Veranstalter Rudolf Zurth verpflichtete ihn für seinen "Großen Frankenpreis" in Nürnberg. Im Endkampf verlor Kaiser zwar gegen den bärenstarken Peter Kop, erreichte aber trotzdem Platz 2. Eine Reform der Berufsringkämpfe führte noch im gleichen Jahr zur Gründung des "Deutschen-Ringkämpfer-Verbandes (DRV)", wodurch der VDB aufgelöst wurde.

Gustl erreichte viele gute Platzierungen und erhielt mehrere Preise. Höhepunkte seiner Laufbahn bis zum Rücktritt als Berufsringer 1952 waren u.a.: Turniersieger in Gelsenkirchen 1936, Sieger im Mittelgewicht beim "Goldenen Gürtel von Deutschland" in Frankfurt/M 1937, Sieger beim "Großen Preis von Niederbayern" in Passau 1947, mehrfache oberste Platzierungen beim Westergaard-Schmidt Turnier in Hamburg. Die Erfolge eines Rudolf Zurth lockten Kaiser schließlich ins Veranstaltergewerbe. Im Mai 1938 organisierte er sein erstes Turnier in Magdeburg. Nach drei Wochen stand aber ein dickes Defizit von 10.000 Reichsmark. Aber die Zuschauer kamen doch noch und es wurde sogar ein Gewinn erwirtschaftet. Dies war der Beginn vom erfolgreichsten Veranstalter der nächsten Jahrzehnte. Infolge des Krieges brachen die Geschäfte ab 1942 ein. Bis dahin kämpfte Kaiser in 3-Tage Turnieren. Danach ruhte der Sportbetrieb größtenteils, bis 1947 in Hamburg ein neues Zeitalter mit dem IBV begann.

Hamburg, Berlin und München formierten sich nach Kriegsende neu. Kaiser arbeitete ab 1946 wieder als Manager und Veranstalter. Er war die treibende Kraft im Hintergrund, wodurch der mitteleuropäische Berufsringkampf neu erblühte. Am 20.09.1947 gründete er mit dem Veranstalter Otto Draber und einigen Vorkriegsringern, wie Bruno Mosig, den "Internationalen-Berufsringkämpfer-Verband (IBV-Hamburg)", der sich als Nachfolger des 1933 gleich geschalteten IRV bezeichnete. Kaiser wurde zum Geschäftsführer und 2. Vorsitzenden berufen. Im IBV fand man zusehends die besten Berufsringer. In seiner Funktion als Veranstalter organisierte er die großen Turniere, an denen bedeutende Catcher wie Otto Wanz, Georg Blemenschütz oder Axel Dieter teilnahmen.

Gustl Kaiser beendete 1952 seine aktive Laufbahn als Berufsringer. Er trat nun in Konkurrenz zu Rudolf Zurth, der seit 1950 als "Catcher-König" für Furore sorgte. Zurth organisierte alle großen Catcher-Turniere. Trotz dieser Konkurrenz waren er und Kaiser durch eine Brieffreundschaft verbunden. Kaisers Erfolge als IBV-Veranstalter begannen bereits 1948. Damals veranstaltete er die erste "Deutsche Meisterschaft" des IBV in Hannover, welche mit Unterbrechung bis 1975 ausgetragen wurde. Ab 1949 folgten seine regionalen Turniere in Städten wie Krefeld, Mönchengladbach, Lübeck, Karlsruhe oder Münster. Hamburg blieb natürlich eine seiner Hauptstätten. 1951 veranstaltete Kaiser die letzte "Europameisterschaft im gr.-röm. Stil" in Frankfurt/M. Der Freistil hatte das Feld übernommen und es kristallisierten sich zwei Ringerlager heraus: Freistil-Berufsringkämpfer und Catcher. Mit Zurths Catcher-Turnieren, wo der Showfaktor überwog, wollte sich Kaiser nicht vergleichen lassen. Er schrieb später:" Berufsringkämpfer und Catcher sind zwei Paar Stiefel." Obwohl er das Catchen indirekt als Berufsringkampf ablehnte, gilt er doch als stärkster Förderer späterer Catch-Größen. Viele seiner Teilnehmer sah man auch später noch.

1953 siegte Rene Lasartesse beim "Großen Herbstpreis" in Köln. Es war der Start einer großen Karriere, die Autor Andreas Matlé 1991 in Buchform präsentierte. Kaiser förderte solche jungen Talente wie Lasartesse. Durch seine Bemühungen in Hamburg wurde der Grundstein für den Erfolg auf dem dortigen Heiligengeistfeld gelegt (Veranstalter: Rene Lasartesse/Sven Hansen). 1955 ging Zurth bankrott, Kaiser hingegen hatte seine erfolgreichste Zeit erst noch vor sich. Anders als andere Veranstalter setzte er auf ein gesundes Maß an Show und Sport. Bei ihm überwog der Sport. Mit dem "Preis der Nationen" (1955) und dem "Großen Preis von Österreich" (1956) in Wien, setzte Kaiser auch im Ausland neue Maßstäbe. Den Nationenpreis gewann Georg "Schurl" Blemenschütz. 1957 übergab Kaiser die Leitung der Heumarkt-Turniere an Blemenschütz. Unter Georg startete somit eine neue Ära.

Ab 1959 trug der IBV unter Kaisers Leitung regelmäßig seine "Europameisterschaften" aus, welche auch im Ausland Beachtung fanden. Häufigster Sieger war hier Horst Hoffmann. Otto Wanz belegte zwei Mal Platz 2. Zu Kaisers erfolgreichsten Teilnehmern zählten ferner: Hermann Iffland, Billy Samson, Willi Müller, Herbert Audersch, Max Walloschke, Gedeon Gida, Rudi Saturski und Jean-Louis Breston. Vielleicht haben auch seine "All-nations-Tournaments" dazu beigetragen, dass Gustl bei alten Ringkampfveteranen bis heute bekannt ist. Aus nahezu allen Erdteilen kamen Berufsringer nach Deutschland ("Mr. Oddjob" Harold Sakata oder auch "The Destroyer" Dick Beyer). 1976 veranstaltete Kaiser sein letztes großes Turnier in München. Eine Ära endete und eine neue Ära begann: Nicola Selenkowitsch, ebenfalls einer von Kaisers Schützlingen, übernahm das Geschäft als Veranstalter. Selenkowitsch machte sich im Catchen einen Namen, als er Bremen zur Hochburg aufbaute.

Kaiser war damals mit über 12 Millionen Besuchern der erfolgreichste Veranstalter im mitteleuropäischen Berufsringkampf. Den Lebensabend verbrachte er zusammen mit seiner Frau Gertrud, die er am 27.05.1939 in Hamburg heiratete. Gustl zog aufs Land und wohnte am nördlichen Rand der Lüneburger Heide. Er wurde zum Ehrenvorsitzenden des IBV ernannt. Am 02.05.1989, wenige Monate vor dem Mauerfall, starb Gustl Kaiser im Alter von 81 Jahren. Sein langjähriger Freund Gerhard Schaefer veröffentlichte 1982 eine Biografie über ihn und 1987 den Kampfrekord "Wrestling Archives Nr. 26-Gustl Kaiser-Zum 80. Geburtstag".


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